Schlimmer als Kopisten am
16.9.2025: Diplomarbeiten von Fremden schreiben lassen und
dafür bezahlen: Immer mehr Studenten erkaufen sich Uni-Arbeiten
https://www.nau.ch/news/schweiz/immer-mehr-studenten-erkaufen-sich-uni-arbeiten-67032447
Rowena Goebel - Zürich - Seit Jahren sind sie den
Hochschulen ein Dorn im Auge: Agenturen, die Studierenden
ihre Arbeiten schreiben. Doch die Angebote werden sogar
immer gefragter.
Ab
102 Franken pro Seite schreibt eine Agentur
Studierenden ihre Arbeiten.
Das
Angebot wird beliebter – laut einem Anbieter, weil
der Studiums-Stress gewachsen ist.
Die
Trickserei ist seit Jahren bekannt, doch sie zu
bekämpfen, bleibt schwierig.
Entspannt in den Ferien die Seele
baumeln lassen, während sich die mühsamen Arbeiten fürs
Studium einfach von alleine schreiben?
Eigentlich undenkbar. Denn es ist
bekannt: Abschreiben oder fremdschreiben lassen ist bei
Bachelor-, Master- oder Doktorarbeiten strengstens
verboten.
Doch das hält Studierende zunehmend
nicht mehr davon ab, Teile oder gar ihre ganze Arbeit zu
delegieren.
Allerdings nicht, um stattdessen Ferien zu machen,
betont Marcel Kopper. Er ist Geschäftsführer der
Schweizer Agentur GWriters, die akademisches
Ghostwriting anbietet.
Akademisches Ghostwriting bedeutet:
Profis schreiben Studierenden die Arbeit gegen
Bezahlung.
Kopper sagt zu Nau.ch: «Die
Nachfrage in der Schweiz hat in den letzten Jahren
spürbar zugenommen. Das liegt weniger daran, dass die
Hemmschwelle gesunken wäre, sondern vielmehr an den
neuen Rahmenbedingungen im Studium.»
Reiche Söhnchen und gestresste Berufstätige:
Wer sich Arbeiten erkauft
Konkret: Heute würden viele
Studierende «unter erheblichem Zeitdruck durch
Berufstätigkeit oder familiäre Verpflichtungen» stehen.
Ein weiterer neuer Faktor, der laut
Kopper viele Studentinnen und Studenten verunsichert,
sei das Aufkommen von KI.
Agenturen bieten Studierenden
an, ihnen die Arbeit zu schreiben. Das Ganze ist
zwar verboten – aber rechtliche Konsequenzen hatte
es noch nie. - keystone
Selbst Doktorarbeiten
übernehmen die Agenturen. (Symbolbild) - keystone
Ab 102 Franken pro Seite sind
die Studierenden bei der Agentur Acad Write dabei.
- Screenshot Acad Write
Eine Agentur gibt KI als Grund
für die erneut gestiegene Nachfrage an – sie sorge
für Verunsicherung. (Symbolbild) - keystone
«Künstliche
Intelligenz kann nicht auf Fachliteratur hinter
Bezahlschranken zugreifen. Sie halluziniert teilweise
Inhalte oder verwechselt Quellen.» Genau das sei im
akademischen Kontext problematisch.
«Wir merken deshalb eine steigende
Nachfrage nach professioneller Unterstützung in Form von
wissenschaftlich fundierten Mustervorlagen.»
Ein Angebot der Ghostwriting-Agentur
GWriters: KI-Texte so umschreiben, dass ChatGPT
und Co. nicht mehr rauszulesen sind. - gwriters.de
Diese Vorlagen sollen sicherstellen,
dass Standards eingehalten werden und die Qualität der
Quellen auch in Zeiten von KI gewährleistet bleibt.
Kopper räumt aber auch ein, dass
nicht alle Kundinnen und Kunden Arbeiten aus KI-Stress
oder Zeitmangel wegen Jobs
fremdschreiben lassen.
«Natürlich gibt es Studierende
aus wohlhabenderen Familien», sagt er. «Aber die
Mehrheit finanziert die Unterstützung selbst, oftmals
durch Nebenjobs oder zusätzliche Arbeit.»
Besonders häufig würde GWriters
berufstätige Studierende sowie internationale
Studierende, die zusätzliche sprachliche Unterstützung
benötigten, betreuen.
«Gerecht ist es
nicht. Aber legal»
Die Agentur ist längst nicht der
einzige Anbieter für akademisches Ghostwriting in der
Schweiz. Inzwischen gibt es rund ein halbes Dutzend
solcher Agenturen.
Eine der ältesten ist die Firma Acad
Write. Sie spricht Studierende gezielt dort an, wo sich
junge Menschen gerne tummeln – auf Instagram.
«Gerecht ist es nicht. Aber legal»,
wirbt sie frech.
«Gerecht ist das nicht. Aber legal» –
so wirbt eine Ghostwriter-Agentur auf Instagram
Studierende an. - Instagram
Ab 102 Franken
pro Seite verspricht die Firma Studierenden, ihnen das
Recherchieren und Schreiben abzunehmen.
Tausende von Franken
kann das dann kosten. Der Rechner auf der Webseite der
Agentur, der Studierenden eine Preis-Idee geben soll,
zeigt: umfangreiche Arbeiten auf hohem Niveau können bis
zu 15'400 Euro
(rund 14'450 Franken) kosten.
Eine Anfrage von Nau.ch beantwortet
die Agentur nicht.
Die Agentur GWriters, die auch in der
Schweiz aktiv ist, rechnet ihre Preise fürs
Ghostwriting von Doktorarbeiten vor. - gwriters.de
GWriters weist auf seiner Webseite
sogar – je nach Arbeit – Honorare von umgerechnet rund
75'000 Franken
aus.
Noch nie jemand
verurteilt
Doch wie sieht das Ganze rechtlich
aus? Die Unis verbieten die Praxis schliesslich klar –
doch die Ghostwriter selbst pochen darauf, ihr Angebot
sei legal.
Rechtsexperte
Christian Lenz von der Kanzlei Lenz & Caduff
erklärt gegenüber Nau.ch: «In der Schweiz ist die
Rechtslage hinsichtlich Ghostwriting für akademische
Arbeiten bislang nicht gerichtlich geklärt. Mir sind
keine Urteile bekannt, die Ghostwriting als strafbar
qualifiziert haben.»
Und das, obwohl Firmen wie Acad Write ihre Dienste schon
seit gut 20 Jahren anbieten. Und schon vor Jahren
erstmals beklagt wurde, dass Ghostwriting unter
Studierenden beliebter wird.
Aus strafrechtlicher Sicht könnte
für die Studierenden allenfalls ein Urkundendelikt in
Betracht kommen, erklärt Lenz.
«Da die Hürden dafür jedoch eher
hoch sind, dürften die entsprechenden Straftatbestände
in der Regel nicht erfüllt sein.»
«Mir sind keine Urteile bekannt, die
Ghostwriting als strafbar qualifiziert haben»,
sagt Rechtsexperte Christian Lenz zu Nau.ch. -
Lenz & Caduff Rechtsanwälte
Die Ghostwriter-Agenturen sichern
sich zudem zusätzlich ab: Acad Write beispielsweise
weist ihre Kundschaft ausdrücklich darauf hin, dass
gekaufte Ghostwriting-Resultate nicht für akademische
Arbeiten eingereicht werden dürfen.
Die Werbung – «Gerecht ist es nicht.
Aber legal» – findet Lenz darum zwar «sehr mutig, aber
aus meiner Sicht rechtlich nicht angreifbar».
Heisst also tatsächlich: Was die
Ghostwriter versprechen, stimmt.
Uni-Rauswurf droht
Nur: Dass bislang kein einziger
Student, keine Studentin deswegen verurteilt wurde,
macht die Machenschaften nicht weniger verboten.
Rechtsexperte Lenz erinnert an die
Eigenständigkeitserklärungen, die Studierende
unterzeichnen müssen. «Darin bestätigen sie, dass die
Arbeit von ihnen geschrieben wurde.»
Legal ja, Konsequenzen drohen
Studierenden, die eine Arbeit fremdschreiben
lassen, trotzdem. (Symbolbild) - pixabay
Verstossen sie dagegen – eben
beispielsweise, indem sie eine Arbeit einreichen, die
ein Ghostwriter verfasst hat – drohen Konsequenzen.
«In erster Linie sind das
disziplinarrechtliche Massnahmen. An der Universität
Zürich reichen diese von einem schriftlichen
Verweis bis hin zum Ausschluss von der Universität.»
Studis soll genauer auf die Finger geschaut
werden
Zusammengefasst: Bachelor-Abschlüsse
oder gar Doktortitel für Leistungen, die man nicht
selbst erbracht hat, sind trotz Verbot möglich.
Kein Wunder, sind die Angebote der
Ghostwriter-Agenturen den Schweizer Hochschulen ein Dorn
im Auge.
Schon länger bekämpfen sie Plagiate
und Ghostwriting. Doch ob jemand seine Arbeit von einem
Profi hat schreiben lassen, lässt sich schwerer prüfen,
als ob jemand abgeschrieben hat.
Es soll die Hochschulen zum Thema
wissenschaftliche Integrität beraten – also in Sachen
Korrektheit und Ehrlichkeit. Zudem ist geplant, dass es
Daten zur
wissenschaftlichen Integrität in der Schweiz erhebt.