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Verbindungen Schweiz-Drittes Reich, Meldungen

Surava und sein Gegenspieler, der Nazi-Bundesrat von Steiger -- Die Handelsbeziehungen der Schweiz in der Zeit von 1933 - 1945 -- Graffiti gegen den Nazismus und gegen das Bankgeheimnis in der Schweiz, das alle Diktatoren schützt -- Zürich 14.4.1997: Inserat in der Neuen Zürcher Zeitung: "Uns trifft keine Schuld" -- 9.7.1997: Die Schweiz 1933-1945: Nazi-Zentrum Davos - Frontismus - deutschfreundlicher Aussenminister Pilet-Golaz -- 23.7.1997: Schweiz 1933-1945: Flüchtlingspolitik - Flüchtlinge - "J"-Stempel  - Visas von Botschafter Lutz -- 30.7.1997: Die Schweiz 1933-1945: Der Finanzplatz Schweiz 1933-1945 -- 15.1.1998: Die schweizerischen Arbeitslager im Zweiten Weltkrieg: <Die schweizerischen Arbeitslager im Zweiten Weltkrieg. Retten, drillen, weiterschieben> -- Mai 1998: <Judenstempel: Korrektur einer Halbwahrheit> - der Judenstempel "J" wurde in Koordination mit Deutschland eingeführt -- 21.10.1999: KZ Büren an der Aare 1940-1945: "Bürs" -- 31.8.2001: Das Polarrot für die Hakenkreuzfahne kam aus der Schweiz - Ciba machte sich "judenfrei" -- 31.8.2001: <Für Geschäfte mit den Nazis machte Geigy sich judenfrei> -- 3.3.2009: Nazi-Zeit in Bern: <Nazis in Berns besten Kreisen> -- 12.9.2013: Liechtenstein nach dem Österreich-Anschluss 1938 wäre von der Schweiz fast besetzt worden --

Ciba-Logo
Ciba-Logo. Der Schmetterling soll "Natur" vortäuschen. Das Logo ist die totale Lüge, denn mit Ciba-Produkten gehen Vergiftung und Tod einher, mit Pestiziden, mit Vergiftung der Böden, mit Gemüsen und Früchten, die auf vergifteten Böden nicht mehr genug Mineralien haben oder vergiftet sind etc. etc.
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Hakenkreuzfahnen am Nürnberger
                            Parteitag

Und das Polarrot für die Hakenkreuzfahne aus der Schweiz war der absolute propagandistische Beitrag zur Vernichtung Europas.
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     Meldungen

präsentiert von Michael Palomino

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Bern: Der Wahrheitsjournalist "Surava"

Surava und sein Gegenspieler, der Nazi-Bundesrat von Steiger

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Hausarbeit von Michael Palomino (1997)

Die Handelsbeziehungen der Schweiz in der Zeit von 1933 - 1945

Versteckte Juden und vorbereitete KZs im eigenen Land

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Zürich: Graffiti von Michael Palomino gegen den Nazi-Bundesrat und das Bankgeheimnis (1997)

Graffiti gegen den Nazismus und gegen das Bankgeheimnis in der Schweiz, das alle Diktatoren schützt

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Neue Zürcher Zeitung, Logo

Zürich 14.4.1997: Inserat in der Neuen Zürcher Zeitung: "Uns trifft keine Schuld"

Ein Inserat für ein Buch, das die Schweiz vor Mitschuld am Nationalsozialismus freisprechen will - abgedruckt in der Neuen Zürcher Zeitung - da sieht man doch, wo sich in der Schweiz die Rechtsradikalen und "Schuldlosen" tummeln: in Zürich neben dem Opernhaus!

aus: Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 14.4.1997, S. 29

präsentiert von Michael Palomino

Kommentar

Hier sieht der/die Lesende ein Beispiel für ein schweizer Hetzbuch mit Halbwahrheiten über die schweizer Geschichte, ohne Erwähnung des Mörder-Bankgeheimnisses. Das Buch ist ein Beispiel, wie auch die Schweizer mit Verdrehungen der Geschichte Kasse machen wollen. Die schweizer Bankiers räumten 1933-1944 nicht nur jüdische Konten ab und verschoben die Vermögen bis 1944 ins Dritte Reich, sondern schweizer Diplomaten transportierten den Nazi-Grössen in Diplomatenkoffern ihre Vermögen 1945-1946 für ein Viertes Reich auch noch nach Argentinien. Die Kontenbewegungen in den schweizer Privatbanken bleiben bis heute geheim. Wer will denn da in der schweizer Oberschicht "unschuldig" sein?

Bei Verletzung des Bankgeheimnisses wurde bis in die 1990-er Jahre eine Gefängnisstrafe verhängt und die Karriere der betroffenen Person vernichtet. Dabei dient das Bankgeheimnis bis heute den Diktatoren dieser Welt, an der Spitze die Freimaurer-Diktatoren der "USA" und die Saudis.  Die schweizer Politik hat kein "Problem" damit...

Michael Palomino, Juni 2005


Text auf dem Buchdeckel:
"Harry Zweifel [alias Marcel Huber]: Uns trifft keine Schuld! Report der amerikanischen - jüdischen Attacken und Lügen gegen die Schweiz."

[Bild eines weissen Kreuzes, darunter ein schwarzer Judenstern, und im Hintergrund ein grosses "$"-Zeichen].


Text auf dem Buchdeckel:

"Es steht keinem Staat, keiner Regierung und keiner Organisation das Recht zu, uns zu verurteilen, so sie nicht in den gleich bedrängten Bedingungen im Zweiten Weltkrieg gestanden und es nicht besser gemacht hätten. Wäre die Schweiz tatsächlich so willfährig mit den Nazis gewesen, wie dies die Gegner behaupten, gäbe es heute keine Juden mehr in der Schweiz und auch diejenigen Flüchtlinge wären in den Konzentrationslagern umgekommen. Es ist eine Schande für jene Organisationen, die heute noch Kapital aus dem Leid der Holocaust-Opfer herausschlagen wollen. Denn es geht ihnen nicht um Gerechtigkeit, sondern um Geld."

[Der schweizer Politik ging es gleichsam noch nie um Gerechtigkeit, sondern um Geldwäsche und Bankgeheimnis für jeden Mörder-Diktator, sei es Saddam, Suharto, Marcos, Abacha, die Familie der Saudis in Arabien, die Krieger-Familie Bush aus den "USA"...].

Fetter Text des Inserats zum Buch:
"Ein Buch von höchster Brisanz erscheint Mitte Mai. Auf ca. 600 Seiten wird das beschrieben, was seit Monaten die Schweizerinnen und Schweizer bewegt. Ein seriöser, packend und profund geschriebener Report, der die Gegner zum Schwitzen bringt."

Normaler Text des Inserats zum Buch:

"Dieses Buch ist Balsam für alle jene Schweizerinnen und Schweizer, die in den letzten Wochen und Monaten Lügen, Diffamierungen, Schmähungen und üble Nachreden von den USA und den jüdischen Organisationen über sich ergehen lassen mussten. Die Fakten dieses Reports werden es beweisen. Es ist kein antisemitisches Buch. Aber es nennt die Leute und die Sache beim Namen, seien es Heuchler der jüdischen Organisationen in den "USA", das State Department oder das Grossmaul Alfonse D'Amato, nicht zuletzt die SP-Politiker, die sich auf Kosten der Eidgenossenschaft profilieren oder Journalisten, die mit ihrem falschen Ehrgeiz eine Auflagensteigerung, ihrer Blätter erreichen wollen.

Es ist ein Schock für die Trittbrettfahrer der Nation, für die teilweise unfähigen Regierungsbehörden, die kopflos von einer Ecke in die andere rennen und mit ihren falschen Vorstellungen glauben, man könne die Juden mit einem Milliardending zum Schweigen bringen.

Das Buch ist auch ein Schock für all jene Staaten, die heute so scheinheilig tun, als ob die Schweiz die Konzentrationslager von Auschwitz, Bergen-Belsen oder Treblinka bedient hätte.

Jene Staaten haben eine viel grössere Schuld auf sich geladen, nämlich, dass sie in entscheidenden Momenten nicht handelten.

[Im entscheidenden Moment nicht gehandelt: Die Schweiz hat im entscheidenden Moment 1000e jüdischer Konten der SS ausgeliefert, und in Luzern wurde "entartete" Kunst versteigert...]

Wir Schweizer haben zwar rund 30.000 jüdische Flüchtlinge abgewiesen und ebenso vielen Zuflucht im Lande gewährt. Die USA und 35 andere Staaten jedoch haben Hunderttausenden von Juden die Einreise verwehrt. Allein 20.000 Kinder durften nicht in die USA und wurden in den sicheren Tod getrieben. Ein solcher Staat, der so viel Dreck am Stecken hat, der Millionen von Indianern ausrottete, Neger versklavte, die heute noch verarmt leben, der an hunderten von Kriegen beteiligt war und der Menschheit Elend und Not brachte, will uns Schweizern Vorwürfe machen, dass wir unehrlich und Nutzniesser des Krieges seien?

Wie aber liessen sich die USA von den Golfstaaten für den Krieg gegen Irak bezahlen? Wie werden die USA sich bei jenen Völkern und Ländern entschuldigen, denen sie so viel Elend und Verwüstung gebracht, und eine "Wiedergutmachung" leisten?

Uns Schweizer trifft keine Schuld!"

[Das schweizer Bankgeheimnis hat die kriminellen Herrscherfamilien der meisten "Entwicklungsländer" jahrzehntelang gedeckt. Wann wird die Schweiz den Bevölkerungen der "Entwicklungsländer" Entschädigung geben?]

Aus dem Inhalt [mit originalen Druckfehlern]: Vorwort; 1. Kapitel: Die Attacken gegen die Schweiz; 2. Kapitel: Herrenose [!] Gelder auf Schweizer Banken und das Raubgold; 3. Kapitel: Die Juden, der JWC, Israel mit D'Amato; 3. Kapitel: Unverarbeitete Geschichte der Amerikaner; 5. Kapitel: Ultimative Boykottandrohungen; 5. Kapitel: Die Schweizerische Eidgenossenschaft und ihre Demokratie; 7. Kapitel: Nestbeschmutzer und Verräter in der eigenen Reihe; 8. Kapitel: Das Echo auf die Attacken aus dem Volk.

Bestellen Sie über Ihre Buchhandlung oder direkt: Benützen sie beiliegenden Bestellschein oder Faxen sie ihn uns zu, unsere Faxnummer 081/681 22 90

Subskription bis zum Erscheinen am 20. 5. 1997 Fr. 38.-- statt Fr. 42.--.

Verlagsanschrift: Biograph-Verlag GmbH, Auslieferung Schweiz, Postfach 16, CH-7083 Lantsch/Lenz.


Schlusswort von Michael Palomino

In diesem Buch stehen sicher wahre Sachen, aber die Beihilfe des schweizer Bankgeheimnisses zum Völkermord zugunsten des Dritten Reichs und zugunsten von Diktatoren bis zum heutigen Zeitpunkt wird nicht erwähnt.

Tatsache ist, dass dieses Buch nicht nur das Verbrechen des Bankgeheimnisses verschweizgt, sondern dass es auch pauschal gegen Juden hetzt. Das Buch wurde 1997 gleich drei bis vier Mal in halbseitigen Inseraten in der Neuen Zürcher Zeitung in der vorliegenden Art und Weise angepriesen.

Das Buch wurde dann 1998/1999 verboten und der Verleger verurteilt.

Die Neue Zürcher Zeitung NZZ hat dieses Buch 1997 mehrmals lauthals in der vorliegenden Weise angepriesen... Vielleicht weiss die Welt nun endlich, was die Stadt Zürich für einen Geist hat: Zürich ist bis heute eine de facto von kalten Banken-Nazis und Presse-Nazis geführte Stadt -- mit einem der höchsten Preisniveaus der ganzen Welt  --  und die Justiz und die Polzei dieser Stadt schützen diese Banken-Nazis und Presse-Nazis mit ihrer "Auslegung" der Rechtsordnung im Namen der "Neutralität", während halbe Kontinente in Hungersnöte versinken. Zürich ist ein Hauptverursacher des Welthungers, und sie wollen es einfach nicht wahrhaben in Zürich. Krimineller geht es nicht.

Michael Palomino, August 2005

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Schweizer
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9.7.1997: Die Schweiz 1933-1945: Nazi-Zentrum Davos - Frontismus - deutschfreundlicher Aussenminister Pilet-Golaz

aus: Diskussion mit Filmbeiträgen: Die Schweiz im Schatten des 3. Reiches; SF DRS 9.7.1997

Filmprotokoll von Michael Palomino (1997)

Diskussionsrunde:
-- Ruth Guggenheim-Häusler, ehemalige Kommunistin
-- Walter Wolf, Historiker
-- Hans Stutz, Schriftsteller, Journalist, Luzern
-- Gustav Däniker, Militärpublizist

Diskussionsleitung: Herr Studer, Frau Marina Lichtsteiner.


Film: Nazi-Zentrum Davos - Gustloff, von Bibra

Hitler behauptet 1933, die Schweiz gehöre zum grossdeutschen Reich. Karten. Es bildet sich ein Nazizentrum in Davos um das Deutsche Sanatorium. Schon 1930 ist Grimal dort Ortsgruppenführer, 1932 Landesgruppenleiter. Es existieren dort deutsche Anstalten und deutsche Schulen mit Hitler-Jugend.

Am 4.Februar 1936 Ermordung von Gustloff durch den Juden David Frankfurter. Ganz Deutschland trauert. Überführen der Überreste nach Schwerin, theatralisches Begräbnis mit Ansprache Hitlers: Dies ist eine Kampfansage.

Bis 1936 gibt es 45 Nazi-Ortsgruppen in der Schweiz. Nachfolger Gustloffs ist von Bibra. Innert kurzer Zeit verdreifacht sich die Nazi-Mitgliederzahl in der Schweiz. In Davos im deutschen Konsulat wird der Leiter Böhme besonders aktiv. Er nazifiziert alle Deutschen, die im Kanton Graubünden wohnen. Er baut ein Spitzelnetz auf, er organisiert Sprechabende, er droht den schweizer Geschäften in Davos mit einem Boykott. Insgesamt kommt er auf ca. 100 Mitglieder. Er organisiert Sportgruppen, die als "schlagbereit" gelten. Er organisiert Nazi-Umzüge in Davos in Militärkleidung und mit Hitlergruss durch die Strassen von Davos, alles mit Billigung der Ordnungskräfte.

Diskussion

Guggenheim:
Die ganze Schweiz war erstaunt, dass ein Jude den Gustloff umbrachte, und die Buben gingen tatsächlich mit "Heil Hitler" und dem Hitler-Gruss durch die Strassen von Davos.

Wolf:
Walter Bringolf, Nationalrat aus Schaffhausen der SP, wollte ein Verbot gegen die Frontisten, die schweizer Nazigruppen, aber der Bundesrat lehnte das Verbot ab.

Studer:
1940 aber wurde die kommunistische Partei verboten.

Wolf:
Die Nationalsozialisten hatten keine Einschränkungen in ihrer Bewegungsfreiheit in der Schweiz. Flüchtlinge und Emigranten aber waren eingeschränkt. Es gab Flüchtlingslager eigens für Emigranten. Der Bundesrat schränkte aber die Nazis kaum ein.

Däniker:

Er selbst war Berufsoffizier. Man hatte den Eindruck, dass die Soldaten ab 1933 doch wieder etwas in Deutschland zu sagen hatten, und dieser Schritt wurde befürwortet, ansonsten gab es keine grosse Beziehung zu den Nazis.

Lichtsteiner: In Zürich gab es das Kabarett "Pfeffermühle", was war denn da los?

Wolf:
Thomas Manns Tochter Katja hatte ein kritisches Stück über die Nazis im Kabarett "Pfeffermühle" in Zürich, das die Nazis so ziemlich aufs Korn nahm. Und der Kommentar von einem der Gauleiter in Deutschland, das war der Gauleiter Sauckel, im Volksmund auch der Sauleiter Gauckel, war: "Die Schweiz sei ein eiternder Bilddarm und müsse so schnell wie möglich operiert werden.

Lichtsteiner: Wie haben Sie die "Pfeffermühle" in Erinnerung, Frau Guggenheim?

Guggenheim:
Also man wusste, da wurde ein nazi-kritisches Stück gespielt, und einmal organisierten wir eine Demonstration für die "Pfeffermühle", gleichzeitig auch als Demonstration gegen die NZZ. Wir haben gepfiffen, denn die Liberalen der NZZ hatten eine Wahlzusammenlegung mit der Nationalen Front beschlossen.

Lichtsteiner:
"Wie sah denn die Entwicklung der Front in ihrem Raum aus, Herr Stutz?

Stutz:
Nazis in Luzern waren 1933 dem Boykottaufruf der Sozialisten ausgesetzt. Verschiedene Nazi-Geschäfte wurden dann tatsächlich boykottiert und der Ortsgruppenleiter Arens musste gehen.

Wolf:
Es war also generell ein Widerstand in der Bevölkerung. Der Bundesrat ab er liess sie gewähren. Andersherum wurden 109 Deutsche wegen Spionage verurteilt, 30 deutsche Diplomaten ausgewiesen. Dasselbe geschah mit 8 Diplomaten wegen Agententätigkeit.


Film: Die Tätigkeit der Frontisten (schweizer Nazis) in der Schweiz 1933

Die Frontenpropaganda in der Schweiz: Auszüge, so genannte Gautage. Frontenideologe war Paul Lang aus Zürich, Landesführer war Rolf Henne aus Schaffhausen, der das Deutschtum auch als "Eidgenossentum" bezeichnete. Die Fronten waren z.T. schon vor 1933 da. 1933 kam es nach Hitlers Machtübernahme zum so genannten "Frontenfrühling". Es begann die Hetze der Demonstrationen gegen Juden und für den Nazismus in Zürich und Luzern, begleitet von Anschlägen und Pamphleten.

In Genf war es Herr Oltramare, der Hass gegen die Roten, Juden und Freimaurer streute. Der Genfer Faschismus pflegte einen extremen Personenkult um Oltramare und seine Union Nationale, ca. 1000 Mitglieder, v.a. junge Mitglieder, die sich aus der Wirtschaftskrise heraus verführen liessen und so nach Sicherheit und Wohlstand strebten. Vor allem der äussere Stil war nazihaft, die Umzüge und die Fahnenhiessungen in der Stadt etc.


Diskussion

Wolf:
Der Frontenfrühling war z.B. in Schaffhausen derart stark, dass Henne den Munot als Versammlungsort seiner Front verlangte. Es war also kein Saal in der Stadt Schaffhausen mehr gros genug. Das Denken war: Es sei eine "Neue Zeit" angebrochen, jetzt komme der Führerstaat, und Liberalismus und Marxismus hätten abgedankt, v.a. auch, weil diese zwei Richtungen sich gegen eine Landesverteidigung wehrten oder sich nicht genug dafür einsetzten.

Stutz:
In der Innerschweiz fühlten sich die katholischen Konservativen durch den Frontenfrühling bestärkt. Sie nahmen aber keine Organisationsformen der Nazis auf. Sie waren gegen den Antisemitismus [Das Neue Testament NT ist doch antisemitisch?], unterstützten aber gleichzeitig den Drang zur autoritären Staatsform. Zum Teil hat man die Fronten auch einfach nicht ernst genommen.

Däniker:
Mein Vater war nie ein Frontist. Der Parlamentarismus wurde zu der Zeit von verschiedener Seite kritisiert. Die Frontisten wurden nicht vor dem Parlament abgewiesen, aber man hat zu ihnen auch keinen Kontakt gesucht. mein Vater wurde in den Fichen später als Frontist geführt, was absolut nicht der Wahrheit entspricht.

Wolf:
"Die Frontisten waren am stärksten in Schaffhausen, vielleicht nicht nur, weil es ein Grenzkanton ist, sondern auch als Reaktion auf die sonst extrem linke politische Führung in Schaffhausen."

Guggenheim:
"Meine Erinnerung an den Frontenfrühling in Zürich: Es gab eine Demonstration in der Stadthalle in Zürich von den Kommunisten mit dem Aufruf, man solle die Fröntler nicht in die Arbeiterquartiere lassen. Und dann kamen die Fröntler und teilten Schläge aus mit ihren Stahlruten, und man muss sagen, die Polizei hat dabei eher die Fröntler geschützt."

Wolf:
"Die Fröntler zeigten eine Bereitschaft zur Gewalttätigkeit: Bringolf hatte z.B. eine Ansprache 1935, die von den Frontisten mittels ihrer Gewaltanwendung mittels Stahlruten gesprengt werden konnte."

Guggenheim:
"Also, die Front verbreitete an Demonstrationen in Zürich einen unheimlichen Antisemitismus mit den Schlagworten "Saujuden raus", "Emigrantenpack raus", "Rote Huren", "Saukommunisten". Es war auf der linken Arbeiterseite kein Geld da für Uniformen oder rote Schlipse..."

Wolf:
"Die Versammlung von Bringolf 1935 wurde am nächsten Tag wiederholt, aber mit der Präsenz aller Mitglieder des Kantons. So war man stärker als die Frontisten. Das Ringen zwischen den Frontisten und dem Liberalismus ging jahrelang. Die Frontisten hatten ihren "Harus"-Ruf, den Antisemitismus und ihre politischen Feinde."

Stutz:
"Es gab schon Ende 19.Jh. freiheitsfeindliche Gruppen. 1919 gab es die ersten "vaterländischen Verbände" gegen Streikende, 1925 dann die Gruppe "Für Volk und Heimat" etc."

Lichtsteiner:
"1940 im September empfängt der Bundesrat für Äusseres, Herr Pilet-Golaz, drei der führenden Frontisten. wollen wir und das und das Folgende im Film ansehen."


Film: Der Bundesrat empfängt Frontisten am 10. September 1940

Frontistenempfang des Bundesrates am 10. September 1940. Die führenden Frontisten Hoffmann und Keller, dazu der Frontistendichter Schaffner. Die Information dazu kam nicht durch die schweizer Presse, sondern die schweizer Bevölkerung durfte von Deutschland her erfahren, dass der Bundesrat die Rechtsextremen empfangen hatte. Der Bundesrat bezeichnete die Fronten als Trägerin des neuen politischen und sozialen Gedankens.


Diskussion

Wolf:
"Bonjour (Historiker und Basler Universitätsprofessor) hat in seiner Schweizer Geschichte der Neutralität den Frontistenempfang als freundliche Geste gegenüber Deutschland gewertet, auch, um die Frontisten zu beruhigen."

Däniker:
"So einfach war die Sache sicher nicht, denn die Frontisten hatten nun die Forderung, mit England die diplomatischen Beziehungen abzubrechen. Die Frontisten hatten zudem enormen Zulauf nach der Niederlage Frankreichs, und Teile der Bevölkerung wollten sich z.T. auch arrangieren."

Wolf:
"Die SP mit Bringolf an der Spitze verlangte den Rücktritt von Pilet-Golaz, denn Pilet hatte doch gar keine Beruhigung, sondern genau das Gegenteil erreicht: Der Empfang und dann auch seine Rede waren indiskutabel. Hoffmann bekam nach dem Krieg ein Berufsverbot, Keller 14 Jahre Zuchthaus, Schaffner selbst kam in Strassburg 1944 im Bombenhagel um."

Stutz:
"Die SP war im Parlament. Vereinzelt wurden Stimmen nach einer Neuorientierung laut. Es herrschte auch eine Stimmung der Ratlosigkeit. Es war aber sicher kein Wille da, die Demokratie abzubauen."

Guggenheim:
"Also, es war bei uns ganz klar die Devise, dass dieser Bundesrat abtreten musste. Es hiess auch im Volksmund: "Lönd de Pilet go la." Zum Teil hatten wir nur noch Angst, weil man jetzt nie wusste, was passiert als Nächstes. Wir wussten, was die meisten Soldaten gegenüber den Fröntlern dachten: Zuerst schiessen wir nach hinten. Und vor allem bei der Annäherung zwischen Deutschland und Russland, da ist uns das Herz fast stillgestanden.

Däniker:
"Aber Stalin hat doch damals schon seine eigenen Leute umgebracht."


Film: Bildung neuer nazifreundlicher Gruppen in der Schweiz im Oktober und November 1940 - Eingabe der 200

Am 16.November 1940 gründete sich in der Schweiz ein neuer "Volksbund für die Unabhängigkeit der Schweiz" in Basel mit einem neuen Programm. Wie kam es dazu:

Am 24.Oktober 190 publizierte die Zeitung "Die Nation" die Forderungen der Frontisten:
-- Rücktritt der Redaktoren der NZZ, Basler Nachrichten, Bund (was die Forderung des deutschen Presseattachés war)
-- Einstellen der Nationalzeitung, der Weltwoche und der Zeitung "Die Nation"
-- Säuberung der Presseagenturen
-- Generalamnestie für alle einsitzenden Frontisten.

Der Bundesrat beriet sich mit der Frontistendelegation und Bundesrat Etter schlug dann selber eine Ausschaltung der Redaktoren vor, ebenso das Einschleusen von neuen, genehmeren Verwaltungsräten. Zudem gab es da noch die "Eingabe der 200", die zeigte, wie fatal die Verstrickung zwischen Grossindustriellen, Politik und Nazismus z.T. war. Der erste auf der Liste war ein Historiker und Kantonsarchivar des Kantons Aargau: Hector Ammann.


Diskussion

Wolf:
"Der Volksmund sagte über den Volksbund, dies sei ein Volksbund für die Unabhängigen von Frankreich und fr die Abhängigkeit von Deutschland."

Däniker:
"Man war immer für Neutralität, aber auf der Liste waren vor allem deutschfreundlich gesinnte Leute, die glaubten, dass die Schweiz durch die kritische Presse gefährdet sei und die von Hitler einen Angriff vermuteten. Man wollte nicht für ein paar Journalisten sterben."

Stutz:
Welche Unabhängigkeit der Schweiz meinen Sie denn da, Herr Däniker? Ihr Vater hat 1941 eine Denkschrift zugunsten Deutschlands herausgegeben. Welche Unabhängigkeit meinte er denn z.B. damit?

Däniker:
"Mein Vater war nicht Frontist, aber er lebte in einer deutschfreundlichen Tradition, und man wollte keine Auseinandersetzung mit Deutschland nur wegen der Presse."

Wolf:
"Die Presse war doch gar nicht frei. Es herrschte eine Zensur, eine Nachzensur, wegen der Furcht vor einer Provokation. So wurde der Wolf, wie Adolf Hitler z.T. genannt wurde, heilig gesprochen."

Däniker:
"Aber auch in der Tschechoslowakei ist die russische Armee vor allem einmarschiert, wegen der Presse, nicht?"

Stutz:
"Das ist aber sehr schnell geurteilt, Herr Däniker."

Wolf:
"Also, um General Guisan noch zu erwähnen: Er war ein Befürworter der Zensur, und er befürwortete auch die Eingabe der 200."

Stutz:
"Bund und NZZ wurden dann vom Volksbund unterstützt. Die Eingabe der 200 lief parallel, und die deutsche Gesandtschaft lässt parallel Druck auf die Presse und auf die Behördenlos."

Wolf:
"Die Fäden zwischen dem "Volksbund für die Unabhängigkeit der Schweiz" und dem Druck auf die Presse von damals sind bis heute noch nicht aufgeklärt. Der damalige Bundesrat von Steiger hat die Untersuchung damals vertuscht, bis heute! Die Eingabe der 200 wurde auf die Seite gewischt, und erst 1946 wurden die Namen veröffentlicht, und so natürlich die Leute dem Volkszorn ausgesetzt."


Film: Die nazifreundliche Rede von Bundesrat Pilet-Golaz Juli 1940

Pilet-Golaz hält nach der Niederlage Frankreichs eine Rede, die für das Nazi-Regime sehr freundlich ist und er verspricht für jedermann Arbeit, falls die "neue Welt" vollständig akzeptiert würde, falls die Autorität entscheiden dürfe. Die Zeit sei reif für eine "Wiedergeburt", und jeder müsse nun das alte Ich abstreifen.


Diskussion

Guggenheim:
"Es kam zu einer Empörung im Volk. Es waren Worte der Frontisten in der Rede, und gleichzeitig liessen diese Worte die Nazi-Organisationen erstarken."

Wolf:
"Die Rede war für die SP ein Skandal. Das Vertrauen war verloren. Dabei liess sich wieder das Volk vernehmen, das sagte" Wir werden nicht nach Deutschland wallfahrten gehen". Da konnte Bundesrat Etter noch so viele deutsche Texte lesen."

Guggenheim:
"Die Angst wurde nun wirklich gross, denn das Militär zog sich ins Reduit zurück, und das Volk war den Hitler-Armeen im Zweifelsfall völlig ausgeliefert. Es war schlimm."

Wolf:
"Pilet-Golaz war eine völlig ambivalente Person. 1940 wurde er Aussenminister, dann hielt er Kontakt, relativ klug nach beiden Seiten. Er war kein Verräter, kein Frontist. Er hat nicht immer die richtigen Worte gebraucht, war mehr Autokrat als Demokrat. Etter und von Steiger waren nazimässig am schlimmsten, Stampfli und Minger symbolisierten den Widerstand. Wobei: Von Steiger wurde erst ab Dezember 1940 Bundesrat, also ein Nazifreund."

Stutz:
"1940 kam es zur Demobilisierung, gleichzeitig zur Offiziersverschwörung, und zwar schon aus dem Reduitgedanken heraus, dass der Bundesrat nicht standhält. Der General war dabei der politischen Leitung untergeordnet. Man hoffte, dass Guisan den Druck aushält. Die Verschwörung war von Alfred Ernst angezettelt. Er und andere wurden verhaftet, verurteilt und einige Tage in Arrest geschickt, mehr nicht. Der General erkannte schon, auf welcher Seite sie standen."

Däniker:
"Die jungen Leute waren bereit zu allem. Es war noch ein "Schuss" Jugendlichkeit dabei. Mein Vater hat sich damals geweigert mitzumachen, denn er war gegen einen Staatsstreich, gegen Zersetzung. Er hat am 3.Juni einen Armeebefehl zur Deutschfreundlichkeit herausgegeben und verschickt."

Wolf:
"Diese Revolte war kein Staatsstreich. Huber meinte auch: Wenn alles kippt, dann wäre es Pflicht, zum Kampf anzutreten. Es gab noch weitere Vereinigungen, die auf der Seite von Ernst standen: der Gotthardbund und die Abteilung "Heer und Haus", die mit über 600 Vorträgen Widerstand leistete, unter der Leitung von Oskar Frei, mit dem Leitspruch: "Wir halten fest mit hartem Grund, auch dann, wenn wir umzingelt sind."

Däniker:
"Es erging von diesen Gruppen die Drohung der Suspendierung von Bundesräten, und deswegen war man in anderen Kreisen skeptisch."

Guggenheim:
"In der Zeit ab 1940 mussten die Gegenkräfte einfach aktiv werden. Ich erinnere mich an eine Versammlung im Volkshaus mit antifaschistischen Parolen, und auf der Bühne war Rolf Liebermann mit seinen Liedern. Später hatte ich wegen meiner Sympatisanz für die kommunistische Partei immer einen Eintrag in der Fiche. Ich wollte die Schule für Sozialarbeit machen, die mir verweigert wurde "wegen meinem linken Dabeisein."

Däniker:
"Es gab dann verschiedene Berichte aus Deutschland, die gewisse Eindrücke schilderten, die das "Neue Europa" als Faktum präsentierten, die eine Einpassung in dieses neue Europa forderten. Guisan hat meinen Vater dann auch empfangen. Er wollte extra nach dem August 1940 eine Delegation nach Berlin schicken, nachher kam es aber anders. Mein Vater kam in eine disziplinarische Untersuchung, erhielt 15 Tage Arrest und wurde als Berufsoffizier nicht mehr gewählt.

1946 kam es dann auch zu gewissen Entlassungen, z.B. Ständerat Mercier, auch von gewissen Unternehmern, mehr nicht. Der Staatsarchivar Ammann wurde entlassen, machte dann aber in Deutschland als Wissenschaftler und Historiker eine neue Karriere.

Studer:
"Guisan hat die Unterzeichner der 200 als "anständige Patrioten" bezeichnet."

Wolf:
"Es gab viele deutschfreundliche Kreise, z.B. das Rechtsanwaltsbüro Frick in Zürich. Und man soll die Arbeitslosigkeit nie politisch ausnutzen. Eigentlich braucht es immer eine "Aktion Nationaler Widerstand."

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23.7.1997: Schweiz 1933-1945: Flüchtlingspolitik - Flüchtlinge - "J"-Stempel  - Visas von Botschafter Lutz

aus:
Die Schweiz im Schatten des 3. Reiches; Diskussion mit Filmbeiträgen; SF DRS 23.7.1997

Filmprotokoll von Michael Palomino (1997)
Diskussionsrunde:
-- Gerhard Riegner, ab 1934 in der Schweiz, Sekretär des jüdischen Weltkongresses in Genf JWC
-- Alfred Häsler, Aktivdienstleistender, Redakteur bei der "Tat", der "Weltwoche" und bei "Ex Libris"
-- Charlotte Weber, sie war Lagerleiterin eines Interniertenfrauenlagers auf dem Bienenberg
-- Jacques Piccard, Historiker, Mitglied der Historikerkommission, Autor des Buches "Die Schweiz und die Juden"

Diskussionsleitung: Herr Studer, Frau Marina Lichtsteiner.


Diskussion

Lichtsteiner:
Was ist heute wichtig, wenn wir diese Problematik angehen?

Piccard:
Die Lernprozesse, so dass die Schweiz offen sein kann und sich Problemen nicht verschliesst, so dass sie glaubwürdig ist.

Weber:
Wichtig: Antisemitismus ist heute noch in der Schweiz vorhanden, Fremdenfeindlichkeit ist genau dasselbe.

Häsler:
Antisemitismus gab es in der Schweiz v.a. ab 1936, und zwar definiert gegenüber den Juden als Rasse, so dass sie später nicht zu den politischen Flüchtlingen gehörten.

Riegner:
Man muss nun die Wahrheit erkennen und aus den Fehlern lernen.

Lichtsteiner:
Die Schweiz war ja das letzte Land, wo die Juden ihre Gleichberechtigung als Staatsbürger erhielten innerhalb Europas. Sehen wir uns nun einen Film an, wie sich der Antisemitismus bei den Frontisten der Schweiz äusserte.

[nicht erwähnt: Die Schweiz war innerhalb Mitteleuropas das "letzte Land", aber in den "christlichen Staaten" Spanien und Portugal warteten die Juden noch viel länger auf die Gleichberechtigung].


Film: Rassistenzentrum Zürich ab 1920er Jahre

Zürich ist Rassistenzentrum. Schon in den 1920er Jahren kommt es in Zürich zu Massnahmen gegen Juden. Normalerweise war eine Einbürgerung nach 10 Jahren möglich. In Zürich wird die Frist für Juden auf 15 Jahre heraufgesetzt. 1926 wird Zürich zum Vorbild und die Heraufsetzung auf 15 Jahre auf Bundesebene eingeführt. Dabei beträgt die Quote der Einbürgerungen von Juden pro Jahr genau 12.

1933 kommt es nach Hitlers Wahl in Deutschland zu einer Nazi-Welle in der Schweiz, die sich in der Schweiz "Frontisten" nennen, mit der Partei "Nationale Front" mit der Zeitung "Front":
-- mit Hetze gegen die "jüdische Presse"

-- kämpft gegen jüdische Einbürgerungen
-- kämpft gegen "jüdisch-marxistische Vergiftung".

Schon vorher gab es die Hetzschrift "Eiserner Besen" mit allen Variationen der "Judengegnerei".

Ab 1933 hetzen die Frontisten in Zürich unter Leitung von Schäppi gegen Juden. Die Juden werden zu Schweizern zweiter Klasse.


Diskussion

Lichtsteiner:
Beim Vergleich der Zahlen komme ich auf einen jüdischen Bestand in der schweizer Bevölkerung von damals 5 Promille. Wie ist denn diese Judenfeindlichkeit überhaupt zu erklären?

Piccard:
Was die Einbürgerung betrifft, ist es politisch zu sehen, nämlich mit der Bruchstelle vor und nach dem 1.Weltkrieg. Man hatte plötzlich das Gefühl, die Schweiz werde überfremdet. Daraus heraus ergab sich eine Feindschaft gegen das schwächste Glied und das waren die Juden.

Lichtsteiner:
Gegen schweizer Juden oder gegen alle Juden?

Riegner:
Man muss sagen, die Emanzipation der Juden wurde von der schweizer Regierung nie gefördert. Es war ein so genannter prophylaktischer Antisemitismus. Man liess einfach nie zentrale Stellen durch Juden besetzen, denn Juden wurden immer als Fremdkörper empfunden.

Häsler:
Beispiele dieser Judenfeindlichkeit sind z.B. Hans von Wyl, antisemitische Studentenbünde oder auch antisemitische Strömungen in der Kirche. Die Kirche sagte, es sei Strafe Gottes dafür, dass "Jesus" nicht ihr Messias sei. Beispiel: Interlaken ab 1936, wo ich wohnte, als ich merken musste, dass die Geschwister Geismar von den Frontisten angegriffen wurden, nicht, weil sie Frauen oder weil sie jung waren, sondern: weil sie Juden waren.

Lichtsteiner:
War denn diese Judenfeindlichkeit schon am Anfang des Jahrhunderts da?

Piccard:
Einen gewissen Antisemitismus gab es immer, aber am Ende des 19.Jh. etablierte sich ein neuer Antisemitismus ohne theologische Begründung, ein so genannter biologischer Antisemitismus. Antijüdische Tradition beginnt v.a. ab 1349 mit Beginn der Pest, etabliert sich in der Schweiz dann in den Ständen: Man solle den Judenschwarm und die Heiden von der Schweiz abhalten.

Riegner:
Man muss sich vorstellen, dass 1936 das Bundesgericht Entscheide fällte, die besagten: Man darf Meinungen vertreten, die dafür eintreten für die Abschaffung der Gleichberechtigung und Abschaffung der Emanzipation. Aber es war - wie gesagt - auch ein prophylaktischer Antisemitismus vorhanden: Man lässt sie einfach nicht hinein, und das hat Wirkung auf die Mentalität der Menschen. Man schloss die Grenzen und erklärte 1933, die Schweiz sei nur ein Durchgangsland.

Weber:
Die Juden durften keine leitenden Stellen besetzen. Auch ich hätte die Lagerleitung nie bekommen, wenn ich Jüdin gewesen wäre.

Piccard:

Der Antisemitismus der 1930er Jahre war unterschiedlich. Propagiert wurde er nur in den Fronten. IN den Parteien ergab sich eher eine tabuisierte Judenfeindschaft. Man wollte Deutschland auch keinen Erfolg der Propaganda in die Hände spielen. Die linken Parteien haben den Antisemitismus sehr verlässlich bekämpft, auch ein paar bürgerliche Rebellen, ein paar Rebellen in kirchlichen Kreisen sowie in Frauenorganisationen.

Riegner:
Was heisst denn bekämpfen: Es wurde schlussendlich eine Unterscheidung gemacht zwischen politischen und rassisch-religiösen Flüchtlingen, und diese politische Entscheidung war eine willkürliche Entscheidung, wofür es keine Präzedenzfälle gibt. Es ist eine völlige Absurdität.

Häsler:
Es gab auch Antisemitismus in vielen kulturellen Vereinigungen, z.B. im Schriftstellerverein wurde die Empfehlung an den Bundesrat gegeben, welche Leute er als neue Bürger aufnehmen soll und welche nicht.

Piccard:
Dasselbe geschah im "Vaterländischen Verein" und anderen.


Film: Der J-Stempel ab 1938 und seine Auswirkungen

Mit dem Anschluss Österreichs setzte 1938 eine härtere Verfolgung der Juden in Deutschland und Österreich ein. Bundesrat Motta befürchtet eine neue jüdische Flüchtlingswelle aus Österreich. Um Juden an der Grenze besser erkennen zu können, schlägt die schweizer Regierung dem NS-Regime in Berlin vor, einen J-Stempel in Pässen von Juden einzuführen. Deutschland stimmt zu, woraufhin der zuständige Vorsteher der Fremdenpolizei Rothmund einen Musterpass verlangt, ob sich der Stempel auch nicht entfernen lässt.


Diskussion

Lichtsteiner:
Und nun sehen wir, was Bundesrat Villiger vor zwei Jahren zu diesem Thema gesagt hat, als er sich für die Rückweisungen an der schweizer Grenze aufgrund des J-Stempels entschuldigte.

Film: Villiger:
Villiger gibt an, Deutschland habe entschieden, den J-Stempel einzuführen, und aufgrund dessen seien die Juden an der Grenze zurückgewiesen worden. Vom schweizer Begehren für einen Stempel sagt Villiger nichts.

Häsler:
Es ist schon erstaunlich. Man billigt seine eigene Forderung [...] Schuldanerkennung ist keine Schande.

Riegner:
Das Motiv war ganz einfach: Die Juden aus der Schweiz heraushalten. Die Folgen für die Juden waren katastrophal: Dieser Stempel hat den Juden auch den Eintritt in andere Länder verhindert. Rothmund hat dazu auch klar Stellung bezogen: Die Juden gelten als Überfremdungsgefahr, und es gelte, die Verjudung der Schweiz zu verhindern.

Piccard:
Dazu kommt noch Blochers Propagandalüge, die Juden seien selbst einig gewesen mit der Politik des Bundesrates. Rothmund stellte die Juden unter Druck. Es war die Instrumentalisierung des jüdischen Gemeindebundes. Er legte ihnen nahe, die Kosten für aufgenommene Juden selbst zu übernehmen. Die Folgen wären nicht absehbar gewesen, wenn der Gemeindebund diesem Vorschlag nicht zugestimmt hätte.

Riegner:

Was hätten sie tun können? Nichts. Die schweizer Juden wurden unter Druck gestellt, und sie wurden ihrer Ämter beraubt.

Piccard:
Man muss sich natürlich fragen: Wer steckt hinter Rothmund? Wo war die politische Verantwortung? Es war der Bundesrat selbst.


Film über antisemitische Praktiken und Flucht: Heinrich Ungar

Heinrich Ungar: Antisemitismus in der deutschen Schule: Tintenkleckse - Flucht nach Basel
Es gab illegale Wege, Beispiel Heinrich Ungar aus Österreich. Er spürte den Antisemitismus schon im Klassenzeugnis, beim Abschlusszeugnis beste Noten und trotzdem steht in der Empfehlung, er solle wiederholen, und alle jüdischen Schüler bekommen einen absichtlichen Tintenklecks ins Zeugnis.

Die Flucht: Er musste sein gesamten Vermögen abgeben und den Nachweis erbringen, dass er aus der Armee entlassen sei. Flucht an den Badischen Bahnhof in Basel, Grenzübertritt nicht möglich, Rückzug nach Lörrach, Kontrolle durch Zivilleute, diese bringen ihn zur Kommandantur, Untersuchung, da beschliessen die Zuständigen, er dürfe fliehen, weil er "saubere Hände" habe. Sie zeigen ihm den Fluchtweg durch den Fluss "Wiese", sagen ihm genau, wann die Patrouille kommt etc. und so gelingt die Flucht.

Das "Rote Basel" nahm viele Juden auf unter Stadtpräsident Fritz Brechbühl. 1939 verlangt Bundesrat Baumann die Ausschaffung von Juden aus Basel. Der Basler Regierungsrat aber entscheidet, dass die Flüchtlinge bleiben sollen. Das "Sommercasino" dient als Flüchtlingslager, mit militärischer Drill-Ordnung mit täglichem Appell Schwarzarbeit ist streng verboten.

Nach 1945 ist Heinrich Ungar vorerst staatenlos, dann bekommt er den C-Ausweis. Sein Vater in Wien überlebte gemäss Heinrich Ungar den Krieg nicht.


Diskussion

Häsler:
Das Naziregime wollte die Juden loswerden, 1. damit Deutschland so genannt "judenfrei" werde, und 2. damit der Antisemitismus auch in anderen Ländern steige. 1938 wurden in Österreich die Juden in Lastwagen an die Grenze gekarrt, aber nicht nur Juden, sondern auch Leute mit sozialdemokratischer Vergangenheit und andere.

Weber:
Die Lager in der Schweiz waren für Männer strenger als für Frauen. Das Personal war militärisch und überhaupt nicht psychologisch geschult. Ich selber auf dem Bienenberg fand den Appell schrecklich. Jeder Flüchtling hatte eine Nummer, also nicht eingebrannt, aber doch schon eine Nummer, und das wurde z.T. sehr erniedrigend und diskriminierend empfunden. Ich selbst bin auch bei den Behörden angeeckt: Ich hielt den Appell nicht strikt genug, unsinnige Vorschriften habe ich nicht befolgt.

Zum Beispiel war da eine antisemitische Ärztin aus Liestal, mit der hatten wir viel zu tun. Die entschied manchmal gegenüber den Frauen falsche Sachen. Da habe ich die Patienten einfach nach Basel ins Spital geschickt. Das hat natürlich wieder Mehrkosten verursacht. Ich habe auch Männer jeweils am Wochenende hereingelassen, das hätte ich auch nicht gedurft, denn die Familien wurden getrennt, wenn möglich weit voneinander weg, also: die Männer im Oberwallis, die Frauen in Basel, und die Kinder im Appenzellerland usw., eigentlich schrecklich.

Riegner:
Also die Beschwerden von Lagerinsassen sind mir nicht so wichtig. Das Wesentliche war doch immer, noch mehr Leute in die Schweiz reinzubringen.

Piccard:

Hier waren die Praktiken der Kantone gegenüber den Flüchtlingen sehr verschieden. Eine Zentralisierung des Flüchtlingsproblems kam erst während des Krieges. Basel hat dann grossen Widerstand geleistet, St.Gallen auch. Andere Kantone waren nicht so. Das Ganze war sehr "föderalistisch".

Lichtsteiner:
War es somit Glückssache, ob man hereinkam oder nicht?

Piccard:
Es war tatsächlich oft eine Frage der menschlichen Überzeugung der jeweiligen Amtsperson.

Häsler:
Man muss das sich wirklich so vorstellen, dass z.T. Kantone die Juden derart hassten, dass sie sie im Auto nach Basel fuhren und am Barfüsserplatz ausluden und man ihnen sagte: So, hier könnt ihr bleiben.


Film: Der jüdische Flüchtling Fred Wander

Flucht im Vichy-besetzten Frankreich, Flucht Richtung Schweiz nach St-Gingolph. Es wurde ihm gesagt, er solle sich dann sofort bei der Polizei melden, dann könne er sicher bleiben, sonst, wenn sie ihn entdecken würde, sicher nicht. In der Polizeistation aber wird er gepackt und sofort in eine Zelle geworfen, dann im Auto mit sieben anderen an einer Kette im Auto zur Gendarmerie gebracht, dann weiter an der Kette im Zug bis nach Perpignan in Zügen verfrachtet. Beim Aussteigen am Bahnhof Perpignan verstummen alle Menschen um sie. Die Frauen fallen auf die Knie und fangen an zu beten. Fred Wander [Wagner?]: Das war das eindrücklichste Bild in meinem Leben, dass jemand für uns Angekettete auf die Knie fiel und betete. Diesen Augenblick werde ich nie vergessen in meinem Leben.


Diskussion

Riegner:
Zwischen Sommer 1942 und Winter 1943 wurden rundweg alle Juden an der schweizer Grenze zurückgewiesen. Bundesrat von Steiger verkündete "Das Boot ist voll", das rief einen Protest in der Bevölkerung hervor. Dann kam es zu einer "Lockerung" der Vorschriften: Kranke, Schwangere, alte und Kinder unter 16 Jahren durften bleiben, aber immer noch bei Bezahlung des Unterhalts durch den jüdischen Gemeindebund.

Lichtsteiner:
War denn da wirklich ein hermetischer Ring um die Schweiz?

Piccard:
Also, ich kann ein anderes Beispiel aus meinem Bekanntenkreis nennen von einem Juden, der kam auf die Polizeistation und er wurde gefragt, wie lange er sich schon auf der Flucht befinde, und er sagte "seit 2000 Jahren". Da fragte man ihn noch einmal und er antwortete noch einmal "seit 2000 Jahren", und da beschloss man, er könne bleiben.

Riegner:
Das mit dem Unterhalt, den man ab 1933 selber bezahlen musste, das war eine absolute Sonderregelung. Keine andere religiöse Gruppe oder Flüchtlinge mussten das sonst jemals tun. Natürlich wurden dann Sammlungen durchgeführt, und freiwillige Beiträge wurden gegeben, aus alter jüdischer Sitte der Solidarität. Aber der schweizer Staat ging noch weiter und beschloss 1943 eine Sondersteuer, eine "Solidaritätsabgabe" für alle Juden. Das ist eine Diskriminierung. Nirgends sonst gibt oder gab es so etwas.

Das Entscheidende aber war und ist die Schliessung der Grenze, natürlich mit gewissen Ausnahmen. Die Behörden wussten, was den Juden drohte. Der Beschluss der Endlösung hatte Hitler schon im Mai 1941 gefasst, die Wannseekonferenz diente nur dazu, alle Dienste dafür zu mobilisieren. Man hat auch  von den Erschiessungen im Osten im Rücken der Ostfront erfahren, das war der Beginn der Endlösung im September 1941.

Im Sommer 192 kam dann ein Bericht von einem grossen Industriellen, Eduard Schulte, Chef eines Bergwerks mit 35.000 Arbeitern. Schulte kam in die Schweiz und berichtete, dass er im Hauptquartier vom Plan der Aktionen gehört hätte, die Gesamtheit der europäischen Juden [der mitteleuropäischen Länder] nach Polen zu deportieren und dort umzubringen. Das war Befehl der höchsten deutschen Stellen.

Das Wissen um diesen Plan wurde aber in Bern unterschlagen und zensuriert. Der Plan wurde den Gesandtschaften von England und den "USA" unterbreitet, ebenso den schweizer Behörden. Ebenso wurde Kontakt zum Weltkirchenrat aufgenommen, um die schweizer Behörden noch einmal zu informieren. Vorsitzender des evangelischen Kirchenrates war Alfons Köchlin, und er hat es auch mehrfach getan und mit von Steiger verhandelt, ebenso mit dem General.

Häsler:
Ebenso ist zu erwähnen die Mission Bircher. Bircher hat nachher, als er von der Ostfront zurückkam, 150 Vorträge gehalten "Zwischen Menschlichkeit und Landesverrat". Danach wurde ihm die Tätigkeit von Bundesrat Kobelt verboten. Ebenso berichtete der Assistent von Rothmund, Jetzler. Am 13.August 1942 jedoch ging die Grenze zu, genau nach den Meldungen.

Weber:
Und bei Kindertransporten, also Kinder von Kriegsgeschädigten, die in die Schweiz kommen durften, dort durften keine jüdischen Kinder darunter sein. Das war vom Roten Kreuz so organisiert. Die Frauen bei mir im Lager selbst redeten nicht viel. Das Ende des Krieges war am schlimmsten, als man es dann erfuhr, dass alle tot waren.

[nicht erwähnt: Das wurde so behauptet. Viele jüdische Kinder kamen in polnischen Bauernhöfen unter, mussten aber andere Namen annehmen, was vom WJC noch in den 1950er Jahren beim Vatikan moniert wurde].

Häsler:
Es gab eben auch eine breite Bewegung gegen die Schliessung der Grenze. Im November 1942 wurde für die Flüchtlinge eine Sammlung veranstaltet, die 1,5 Millionen Franken einbrachte. Es gab also einen grossen Teil der Bevölkerung, der dem Trend nicht folgte. Ebenso war da die junge Kirche.

Piccard:
Aber genau an Weihnachten und Neujahr 1942 / 1943 wurde die Grenze wieder dicht gemacht, und zwar absolut dicht!

Riegner:
Genau zum Zeitpunkt der schlimmsten Vernichtung wurde die Grenze dicht gemacht. Und von den 30.000 Aufgenommenen waren 7000 schon vor dem Krieg hereingekommen, dann v.a. im 2.Teil des Krieges vor allem italienische und jugoslawische Juden, so haben dank der Schweiz 28.000 Juden überlebt.

Piccard:
Was war denn mit Amerika? Dort mussten die Juden immer so lange auf ein Visum warten, hat denn Amerika nicht auch dazu beigetragen?

Riegner:
Amerika ist das einzige Land, das eine grössere Zahl Juden gerettet hat. Der "War Refugee Bound" hat es ermöglicht, in allen neutralen Ländern die Juden zu unterstützen. So konnten eine halbe Million Juden gerettet werden.


Film: Karl Lutz, schweizer Botschafter in Ungern, rettet Juden mit Visas

Karl Lutz, schweizer Konsul Budapest, vertritt auch die Interessen von Grossbritannien. Er rettet 62.000 Juden durch Ausstellen eines Visums nach Palästina. Später wird Lutz wegen Kompetenzüberschreitung von Bern aus bestraft.


Diskussion

Häsler:
Auch im Fall Grüninger kam die Rehabilitation erst 1993. Also: Solche Leute, die Juden gerettet hatten, wurden nach dem Krieg vom Bundesrat wie Verbrecher behandelt. Walter Häfliger war ein weiterer Retter: Er rettete in Mauthausen Tausende Juden und ist schliesslich in Österreich gestorben. Es ist bis heute leichter zu sagen, "wir mussten", als sich zu entschuldigen... und der Bundesrat argumentierte laufend: Das Volk verkörpere das Herz, er aber den Verstand.

Und so war ihm sein eng gefasster Gehorsamsbegriff wichtiger als die Rettung von Menschenleben.

Riegner:
Nicht nur das: Die Schweiz hat verhindert, dass das Rote Kreuz einen Appell gegen die Judenvernichtung richtete. Ich kann es mir nur so erklären: Man hatte einfach Angst zu protestieren, Angst vor Schwierigkeiten. Das Rote Kreuz hielt Beratungen im Oktober 1942. Eine Mitgliedermehrheit war für den Appell. Da wurde eine abschliessende Sitzung mit Bundesrat Etter gehalten und der hat den Appell schlussendlich verhindert. Er hat einem das Recht auf humanitäre Initiativen versagt.

Piccard:
Es gab sehr viele verschiedene Meinungen. Da war z.B. Gertrud Kurz, die "Flüchtlingsmutter". Das Spektrum im Volk war weit. Es gab einzelne Populisten, dann gab es Rebellen, die dem Ganzen aber relativ machtlos gegenüberstanden.


Film: Der Fall Theodor Bergmann: Der Bruder als Arzt wird verleumdet und aus der Schweiz ausgewiesen

Theodor Bergmann versucht nach dem Krieg zu erfahren, wann sein Bruder 1940 ausgewiesen wurde. Er möchte Akteneinsicht, die wird ihm vom Bundesgericht verweigert. Der Bruder Alfred Bergmann war Arzt in Zofingen. Damals war man froh um jeden Arzt, wo so viele sonst im Dienst waren. Im März 1940 aber trat er eine neue Stelle in Zug an. Da wurde er vom von Missgunst getriebenen Alfred Siegrist der Aargauer Polizei denunziert. Das war das "Todesurteil" für Bergmann. Er wurde als politischer Wirrkopf verleumdet und so über die Grenze geschickt.


Diskussion

Lichtsteiner:
Wieso hat jetzt Herr Bergmann hier keine Akteneinsicht erhalten?

Piccard:
Entscheidend sind in solchen Fällen die kantonalen Archive, die Bezirksarchive. Derzeit läuft eine Umfrage nach Flüchtlingsakten, Naziakteuren, politischen und nachrichtendienstlichen Akten, denn diese Akten sind ein Teil des kollektiven Gedächtnisses.

Häsler:
Also, wenn man sich fragt, war das Boot voll - das Boot war alles andere als voll. Von Steiger hat da alles andere als die Wahrheit gesagt. Nur: Ab 1942 liess Hitler die Juden auch nicht mehr flüchten. Und in der Schweiz wurden Juden einfach generell zu Menschen zweiter Klasse.

Riegner:
Es waren insgesamt 100.000 Kriegsflüchtlinge in der Schweiz, davon 28.000 Juden...

Studer:

Es gab letzten Monat auch eine antisemitische Bemerkung des Basler Münsterpfarrers, der wieder behauptete, die Juden hätten den christlichen "Messias" umgebracht.

Piccard:
Das sind Gedächtnislügen, auf die man bei der ganzen Verdrängung wieder aufläuft. Man kann dann nur entscheiden, soll man darüber reden oder weiter den Mantel des Schweigens darum legen.

Riegner:
Man muss reden! Geschichte hat immer ihre guten Seiten und ihre dunklen Seiten. Man muss beide Seiten kennen. Lehren aus der Geschichte ziehen kann man nur, wenn man weiss, was geschehen ist, so dass man sich nicht immer verteidigen muss.

[nicht erwähnt:
Israel behandelt die Palästinenser nicht besser als Rothmund die Juden im 2.Weltkrieg].

Piccard:
Es ist eine Chance, generationenübergreifend miteinander ins Gespräch zu kommen. Es ist heute die letzte Möglichkeit, und so kann man eine humane offene Haltung entwickeln und solche Diskussionen dieser Art sind dann möglich. Zuerst macht es Angst, denn es mobilisiert negative Gefühle, weil sie schmerzvoll sind.

Weber:
Man muss die absolute Wahrheit aussprechen, dann hat sie Wirkung. Wir müssen lernen, die Vergangenheit anzunehmen, denn wir haben heute wieder ähnliche Probleme. Man kann auch die Gegenwartsprobleme nur so lösen durch das Ansehen der Vergangenheit.


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Schweizer Fernsehen, Logo

30.7.1997: Die Schweiz 1933-1945: Der Finanzplatz Schweiz 1933-1945

Banken, Versicherungen, Konten, Verletzungen des Bankgeheimnisses zugunsten der Nazis - Vorbereitung für ein Viertes Reich

aus: Die Schweiz im Schatten des Dritten Reiches; Diskussion mit Filmbeiträgen; Schweizer Fernsehen 30. Juli 1997. Protokoll von Michael Palomino


An der Diskussion sind beteiligt:
-- Gude Rahn, ehemaliges Mitglied der schweizer Verhandlungsdelegation in den "USA" 1946
-- John Trepp, Historiker, der die Akten der Bank für internationalen Zahlungsausgleich BIZ untersucht hat
-- Beat Balzli, Historiker, Autor des Buches "Treuhänder des Reiches" über die schweizer Bankgeschäfte mit dem 3.Reich mit "Verwertung" jüdischer Wertpapiere und Kontoauflösungen
-- Paul Hasenfratz, Präsident der Zürcher Kantonalbank ZKB, Vizepräsident der Bankiervereinigung

Moderation: Peter Studer und Martina Lichtsteiner.


Diskussion

Lichtsteiner:
Warum kommt die Diskussion genau jetzt Ende der 1990-er Jahre auf die Schweiz zu?

Balzli:
1 Hauptgrund: Die Erben haben nicht mehr lange Zeit, werden alt. Folge: Der Druck verstärkt sich.

Hasenfratz:
Weitere Gründe: Es war eine reaktive Verteidigungshaltung der Schweiz gegenüber der Vergangenheit bis letztes Jahr [1996], und: Öffnung neuer Archive, so kam neues Material zum Vorschein.

Lichtsteiner:
Wieso kommt denn die Geschichte auf das Gold von damals?

Trepp:
Weil die Schweiz der wichtigste Goldhandelsplatz im 2.Weltkrieg war. Sie war die grösste Goldhändlerin der damaligen Zeit.

Rahn:
Es spielt auch eine Rolle, dass heute der kalte Krieg beendet ist. 1948 war Russland wieder Gegner der Westmächte und diese bemühten sich, die Schweiz als antibolschewistisches Land in das westliche System wieder einzugliedern nach der Isolation 1944-1948.


Film: Beziehung Deutsche Reichsbank - Schweizer Nationalbank

Die SNB kann 1939-1945 mit allen Zentralbanken der Welt ihre Beziehungen halten, besonders herzlich aber sind die Beziehungen zur Reichsbank. Goldlieferungen werden im Normalfall als wirtschaftliche Transaktion begründet. Für die Reichsbank aber gilt dieser  Grundsatz nicht. Sie darf immer Gold gegen Devisen eintauschen, wann und wie sie will, ohne Rücksicht auf den Handel.

[Clearingvorschuss nicht erwähnt].

Die SNB wird so zur Verbündeten des 3.Reiches [Gegentausch nicht erwähnt].

Hitler musste für seine Kriegsführung Güter von aussen kaufen: Chrom, Wolfram, Mangan. Aus der Schweiz: Aluminium, Präzisionsinstrumente und Uhren. All diese Güter bekam das 3.Reich nur gegen Devisen [und deswegen erfolgten die Goldlieferungen in das einzige Land, das noch Gold von Hitler annahm: die Schweiz].

Die Goldreserven der Reichsbank: 100 Mio. RM waren ausgewiesen, geschätzt wurden 800 Mio. RM. Bis 1943 wurde Gold im Wert von 600 Mio. aus dem Reich in die Schweiz geliefert. Zum Schluss hatte Deutschland für 1,7 [1,2?] Milliarden RM Gold in die Schweiz geliefert. Woher kam denn die Differenz?

Zum Teil wurden die Devisen auf vorgeschobene Konten gutgeschrieben, z.B. auf das Konto von Max Heiliger. Dass KZ-Gold in den Barren war, ist möglich, aber wenig wahrscheinlich. KZ-Gold ist in einer Biographie von Höss erwähnt [eventuell gefälscht, wie von Höss sehr viele ihm zugeschriebene Berichte "existieren"].

Belgisches Gold wurde von der Reichsbank eingeschmolzen, neu gegossen und mit der Jahreszahl 1935 versehen.

Höhepunkt der Goldlieferungen war 1942. Die Alliierten warnten die Schweiz 1942 schon vor der Annahme deutschen Goldes, das eventuell geraubt ist.


Diskussion

Ernst Weber
, Generaldirektor der Schweizerischen Nationalbank, behauptet nach dem Krieg, er sei sicher, man könne nicht ermitteln, von wo das Gold gekommen sei, und: Er hätte nicht die "leiseste Ahnung" gehabt.

Walter Funk, der Präsident der Reichsbank nach 1945: Die Schweiz war der einzige Ort, wo der Umtausch gegen Devisen für die Reichsbank noch möglich war.

Hirs, einer der Generaldirektoren der Schweizerischen Nationalbank SNB, gibt 1946 zu, dass er gewusst hat, dass ein grosser Teil der deutschen Goldlieferungen Raubgold gewesen seien.


Film: Verhandlungen schweizerischer Bankenvertreter in den "USA" 1946

Verhandlungen 1946 in den "USA" über die Raubgoldbestände der SNB in der Schweiz: Die Alliierten-Vertreter hatten es nicht leicht, die Identität des Goldes festzustellen. Ernst Nobs, SP-Bundesrat, sagt, die SNB habe mit der Goldannahme 50 Mio. Franken Gewinn gemacht, und die Marge scheint für ihn der Hauptgrund des Raubgoldgeschäfts gewesen zu sein: niedriger Preis für das Reich, die auf den Verkauf angewiesen waren, später hoher Preis für die Alliierten. Zudem: Die SNB stützte sich auf das Neutralitätsargument: Sie sei neutral und müsse somit von den Alliierten und von den Achsenmächten Geld annehmen.

Funk 1943: Deutschland könne ohne die Schweiz als "Wechselstube" keine 2 Monate mehr auskommen.


Diskussion

Trepp:
Gold wird im Krieg immer Zahlungsmittel, da alle Währungen unsicher sind.

Lichtsteiner:
Warum denn war der Schweizer Franken attraktiver als die schwedische Krone? Schweden war doch auch ein neutrales Land.

Trepp:
Der Bundesrat hat für die Schweiz im Kontakt mit allen Kunden bis 1942 auf Devisenkontrollen verzichtet, als einziger Staat in ganz Europa. Schweden hatte Devisenkontrollen eingeführt und war somit für Hitler weniger attraktiv.

Studer:
War denn die Schweiz erpicht auf diese Freiheit?

Hasenfratz:
Die Schweiz brauchte nicht nur das Gold, sie wollte mit anderen handeln. Dieser Handel galt auch als Friedenssicherung, und man hatte in den 1930-er Jahren schon eine Abwertung des Frankens erlebt. So wollte man die Goldreserven wieder erhöhen und die Golddeckung im Krieg wenigstens beibehalten.

Trepp:
Da muss ich Ihnen eindeutig widersprechen. Das Gewinnmotiv ist in meinen Augen eindeutig wichtiger. Der Preis in der Schweiz war niedriger als der Londoner Preis. die SNB hat etwas verdienen wollen, bis dann das Clearing-Abkommen kam, und mit London konnte man während des Krieges nur über die Clearingstelle Handel treiben. Der Gewinn konnte nach dem Krieg eingefahren werden.

Der Bundesrat hat bis 1942 keine Kontrollen über den Goldhandel verfügt. Gold war also frei handelbar, nicht nur für die Banken. Es hat sich während des Krieges auch ein riesiger privater Goldhandel entwickelt.

Studer:
Zu wem flossen denn die Goldlieferungen?

Trepp:
Hauptsächlich in den Tresor der SNB in Bern.

Hasenfratz:
Die SNB führte noch verschiedene Konti anderer Nationalbanken, und so ergaben sich dann die Dreiecksgeschäfte während des Krieges, wo die Schweiz als Vermittlerin z.B. zwischen Deutschland und Portugal auftrat. Die Rolle der Privatbanken ist noch nicht erforscht.

Trepp:
über die Rolle der Privatbanken von vor 1942 hat man bis heute keine Ahnung. Ab Dezember 1942 musste dann jeder Goldhandel mit dem Lizenzsystem geregelt werden, was auch meist bewilligt wurde.

Balzli:
Alle Einfuhren wurden bewilligt. Es wurden nur bei der Schweizerischen Kreditanstalt SKA, als man Zweifel hatte, noch ergänzende Informationen verlangt, und dann hat die SNB trotz Kritik immer bewilligt.

Hasenfratz:
Über den privaten Verkehr wissen wir bis heute nicht sehr viel. Die ZKB hat von der SNB Goldmünzen gekauft und hat diese an private Käufer weiterverkauft.

Lichtsteiner:
Wie viel Prozent vom gehandelten Gold der SNB ist denn geraubtes Gold?

Trepp:
Das ist noch nicht genau ermittelt. Die Summe ist noch ausstehend. Das belgische Gold ist genau festgestellt mit 380 Mio. Franken, heute ein Wert von 3,8 Milliarden Franken. Das Raubgold der Niederlande und Italiens ist noch nicht genau festgestellt.

Lichtsteiner:
Ist denn nun Totengold in den Barren drin?

Balzli:
Sicher wissen wir das noch nicht. Wir nehmen bis heute an, dass Totengold in den Barren vorhanden ist.

Studer:
Deutschland täuschte mit der falschen Prägung von 1935. Was konnte man denn davon wissen?

Hasenfratz:
Die SNB musste sich dessen bewusst werden wegen der Menge, dass da etwas nicht stimmt. Das ist ja offensichtlich. Was das Totengold betrifft, so sagt uns der Eizenstadt-Bericht, es seien 27 kg verwendet worden.

Rahn:
Eizenstadt sagte aber auch, dass man davon nicht wissen konnte.

Balzli:
Die SNB hat alles gewusst. Das kann man an der Tatsache ableiten, dass sie schon 1941 einen ersten Umschmelzplan für ihr gesamtes Gold vorhatte. Der Plan wurde 1942 konkretisiert mit geplanten Kosten von 60.000 Franken. Realisiert wurde er dann nach dem Krieg.

Trepp:
Totengold wurde nicht nur in der SS-Schmelzanlage verarbeitet, sondern auch in den beiden privaten deutschen Schmelzunternehmen Degussa und Norddeutsche Raffinerie. Diese Barren wurden dann weiter an Private weiterverkauft.

Die Goldkäufe bei den Alliierten waren gesperrt. Also konnte man an der Börse von New York und London sich das Gold auf die dortigen Guthaben gutschreiben lassen, die aber für den Kapitalverkehr mit der Schweiz gesperrt waren. Aus diesem Grund brauchte man auch Gold aus Deutschland für die Schweiz selbst.

Lichtsteiner:
Sehen wir nun, wie die Verhandlungen nach dem Krieg aussahen.

Film: Verhandlungen über Raubgold in der Schweiz in den "USA" 1946

Am 8. Mai 1945 sind die Kriegshandlungen in Europa offiziell beendet. Jubel, grosse Freude in der Schweiz. Die Beziehungen zu den Alliierten jedoch sind getrübt wegen belgischem Raubgold, und weil die schweizer Guthaben in den "USA" blockiert sind. Die "USA" behauptet, die Schweiz solle 500 Mio. Franken bezahlen, was der schweizer Politik inakzeptabel erscheint. So begibt sich die "hochkarätigste" schweizer Delegation, die es je gegeben hat, in die "USA" an die Verhandlungen:  [neu], sowie Chefbeamte und Diplomaten. Die Aufgabe: den Beweis erbringen, dass die SNB beim Kauf von Raubgold "gutgläubig" war.

In der Schweiz werden die Verhandlungen heftig diskutiert. Hirs wird der Vorwurf gemacht, er habe durch eine Unachtsamkeit die Schweiz verraten.

Das Resultat der Verhandlungen: Die Schweiz muss 250 Mio. Franken bezahlen. Gegen Hirs wird ein Disziplinarverfahren angestrengt. Im Parlament muss der Betrag auch verabschiedet werden. Delegationsleiter Stucki schreibt einen "Bericht", der die Argumente liefern muss, dem Kompromiss zuzustimmen.

Die Argumente:
-- es wäre sonst zu einem Prozess um das belgische Gold gekommen
-- die Alliierten hätten die schweizer Guthaben weiter blockiert
-- der "gute Namen" der Schweiz sei dadurch leicht demolierbar gewesen.

Bundesrat Nobs stimmt dem Kompromiss zu. Das Parlament verabschiedet den Kompromiss aus Pragmatik, nicht aus Schuldbewusstsein.


Besprechung des Films: Nazigelder für ein 4. Reich in der Schweiz [und Südamerika]

Lichtsteiner:
Warum wurde die schweizer Delegation in den "USA" so kalt empfangen?

Rahn:
Der Empfang war nicht herzlich wegen des Vorwurfs der Kollaboration. Es waren zwei Wochen Verhandlungen geplant, und sie haben 2 1/2 Monate gedauert. In der Mitte wäre es fast zu einem Bruch gekommen. Man konnte sich über das Gold nicht einigen. Die "USA" waren am kritischsten, weil sie die Neutralität nicht verstanden haben. Frankreich und England haben die Neutralität schon eher verstanden. Am Schluss aber haben die Amerikaner dann doch unterzeichnet.

Lichtsteiner:
War denn Herr Hirs dafür verantwortlich, dass die Verhandlungen fast gescheitert wären?

Rahn:
Hirs hat nie klar gesprochen. Die ganze Delegation hat nie klar gesprochen. Von holländischem Gold wurde nie gesprochen, nur von belgischem Gold.

Studer.
Zuerst forderten die "USA" 500 Millionen, schliesslich wurden 250 bezahlt. Wie war das möglich?

Rahn:
Wir haben nie gesagt, dass wir bezahlen müssen. Wir zahlten, weil die Alliierten das so wollten. Dafür hatten wir die Zusicherung der Alliierten, dass in Zukunft nie mehr über Gold der Schweiz etwas verlangt werde.

Studer:
Wieso haben denn die Amerikaner ihre Forderung reduziert und nachgegeben?

Trepp:
Da muss man auch die "USA" innenpolitisch betrachten. Roosevelt hatte den jüdischen Finanzminister Henry Morgenthau, dieser musste unter dem neuen Präsidenten Truman im Juli 1945 zurücktreten. Truman wollte ihn nicht mehr

[es existiert auch die Version, dass Morgenthau aus Protest zum Wiederaufbau der Industrie in Deutschland zurückgetreten sei].

Morgenthau hatte klare Forderungen an die Schweiz als Kollaborateurin. Der neue Finanzminister aber hatte eine etwas andere Perspektive, denn die Amerikaner hatten selbst auch Geschäfte mit den Nazis an der Wall Street Börse gemacht und die Welt ging auf den kalten Krieg zu

[der nicht "kalt" war, schon Mitte 1945 nicht, z.B. in Asien mit Vietnam und französischen Truppen etc.].

Studer:
spielten denn England und Frankreich an den Verhandlungen überhaupt eine Rolle?

Rahn:
Sie haben die "USA" unterstützt, aber die "USA" war immer in der ersten Linie.

Trepp:
Man muss das klar sehen: Die Schweiz hat damals den grossen Fehler gemacht, dass sie ihre Fehler nicht eingestanden hat, die sie während des 2. Weltkriegs begangen hat. Es gab kein Eingeständnis.

Balzli:
Also, die Delegation hat mit einer Salamitaktik verhandelt, angefangen mit 100 Millionen, und dann eine langsame Steigerung des Betrags.

Rahn:
Also, die SNB wusste vom geraubten Gold, aber wir wollten so wenig wie möglich zahlen.

Trepp:
Schon 1943 verlangten die Alliierten die Rückgabe des Raubgoldes.

Rahn:
Rechtlich kann man es anders sehen, denn die Neutralität setzt Handel mit allen Partnern voraus. 1946 sind wir zu juristisch gewesen, und heute sind wir nicht juristisch genug.

Lichtsteiner:
Sollen denn neue Verhandlungen über das Abkommen aufgenommen werden?

Rahn:
Ich glaube nicht, dass es zu neuen Verhandlungen darüber kommen wird. Einer der Delegierten der US-Delegation, Rubin, war ein guter Freund von mir, und es waren ja nicht nur die "USA", Frankreich und GB an den Verhandlungen beteiligt. Diese drei haben ja auch für 13 andere Nationen stellvertretend verhandelt.

Hasenfratz:
Also, der Vertrag ist Geschichte, und da kann eigentlich kaum etwas daran mehr verändert werden nach 50 Jahren, aber es kann ja durchaus zu neuen Abkommen und Verträgen kommen.

Trepp:
Eizenstadt äussert sich in dieser Beziehung etwas sibyllinisch, aber es wäre absurd, über einen 50 Jahre alten Vertrag neu zu verhandeln. Der Bundesrat soll eher nachholen, was er 1945 verpasst hat. Der Bundesrat soll es nachholen, als politische Geste.

Rahn:
Ich glaube nicht, dass es wahrscheinlich ist, dass da noch etwas geschieht.

Studer:
Jetzt ist ja eine neue Goldkonferenz einberufen für nächsten Herbst von den "USA" und GB. Meinen Sie, dass die Schweiz da noch einmal drankommt?

Trepp:
Ja, das ist durchaus möglich, aber es stehen dort auch andere grosse Probleme an, denn es gab in Sachen Gold nach dem Weltkrieg wirklich keine Schlussregelung. Auch die "USA" haben Gold behalten. Man hat noch 5,5 Tonnen in New York gefunden. Es ist auch möglich, dass also die "USA" drankommt.

Lichtsteiner:
Was war denn das Hauptziel der Verhandlungen von 1946?

Rahn:
Das Hauptziel der Amerikaner war, die deutschen Vermögen in der Schweiz zu blockieren.

Lichtsteiner:
Warum wurde denn alles mit solch einer negativen Einstellung angegangen?

Hasenfratz:
Die ganze Einstellung, was die Konten betraf, war unheimlich negativ. Es kam ja auch erst 1952 zu einem Abschluss. Die Banken verschanzten sich hinter ihrem Bankgeheimnis.

Balzli:
Die Banken sperrten sich total, und die Forderung der Amerikaner war natürlich auch sehr happig: Sie stellten an ein fremdes, neutrales Land die Forderung, Gelder eines dritten Landes zu blockieren, und das war für die Banken rechtlich nicht einsehbar.

Rahn:
Man konnte aber auch die Gelder deswegen nicht aushändigen, weil man nie einen Wechselkurs zwischen Franken und Reichsmark gefunden hat. Es gab keinen Wechselkurs mehr.

Studer.
Das sind ja alles rechtliche Frage. Es gab ja auch Vermögen von "normalen" Deutschen noch von vor dem Krieg, die in der Schweiz angelegt waren, und die Delegation wollte nicht, dass auch diese Vermögen miteinbezogen wurden.

Rahn:
Wichtig ist einfach, dass die Forderung war, in Reichsmark auszubezahlen. Bis 1948 war aber keine Währung in Deutschland, es gab keinen Kurs!

Trepp:
Die Schweiz hat das deutsche Vermögen in der Schweiz geschützt. Die Kursfrage selbst war nur ein Spielen auf Zeit. 1952 wurden die Konten dann eben auch an alle alten Nazis ausbezahlt. Das Rettungsboot für die Deutschen war eben auch in der Niederlage die Schweiz gewesen.

Rahn:
Das waren aber nicht viele Konten, denn da waren Untersuchungen in Bern im politischen Departement. Die "USA" sagten immer, die Nazis hätten viel Geld in die Schweiz verlagert, aber man hat nur sehr wenig gefunden [weil 1944-1945 ein beträchtlicher Teil nach Südamerika abgeflossen war, mit Hilfe von schweizer Diplomaten].

Balzli:
Es sind immense Nazi-Vermögen in der Schweiz angelegt worden, in Tarngesellschaften und Briefkastenfirmen. Das meiste war so getarnt, dass es auf den ersten Blick absolut nicht auffindbar war.

Rahn:
Aber ist denn das wichtig?

Balzli:
Sicher ist das wichtig.

Rahn:
Sind es denn Hunderte von Millionen?

Trepp:
Da geht es nicht nur ums Geld hier. Es ist auch die Geste, die zählt.

Balzli:
Es ist ein signifikantes Vermögen, das da verborgen wurde [v.a. in Südamerika].

Studer:
Die "USA" haben für das Aufspüren von Geldern in der Schweiz ein ganzes Programm gewidmet, das "Safe-Haven-Programm".

Rahn:
Ich glaube, das ist nicht wichtig.

Balzli:
Es waren Gelder, die dafür verwahrt wurden, ein eventuelles 4. Reich neu zu gründen, und deswegen ist es eigentlich sehr wichtig.

Hasenfratz:
Man hätte auch gerade alles beschlagnahmen können. Dann wäre es auch nicht nichts gewesen, aber als neutrales Land war das absolut unmöglich.

Studer:
Und die nachrichtenlosen Konten wurden bei den ganzen Verhandlungen nur am Rande behandelt. Von denen handelt unser nächster Film:;


Film: Die "nachrichtenlosen" Konten

Ed Fagan
, Anwalt meint: Es geht nicht nur um Geld. Es geht um Menschen, um 10.000de Menschen. Seine Anwaltspraxis in New York, 12.000 Klienten. Anstreben einer Vereinbarung oder ein Urteil gegen die schweizer Banken. Die Schweiz soll verpflichtet werden, den Vermögen die nötige Beachtung zu schenken. Die schweizer Bankiers sind absolut dagegen. Die Volker-Kommission hat alle Vollmachten gegen die schweizer Rechtsanwälte, Treuhänder und Versicherungen.

Die Versicherungen warben in Deutschland um jüdisch Kunden mit der Angabe, ihre Policen seien bei einer schweizer Versicherung sicher untergebracht. Die schweizer Versicherungen hatten Filialen in Deutschland, um weiter auch nach der Reichsgründung in Deutschland Geschäfte tätigen zu können. Hitler erliess nach der Reichskristallnacht 1938 eine Bestimmung, wie die Schäden der Reichskristallnacht zu bezahlen seien: Die Juden sollten für die Schäden aufkommen, die die Nazis an den Gebäuden und Geschäften selbst angerichtet hatten. Darunter fallen auch die Versicherungspolicen von Juden bei Filialen von schweizer Versicherungen. Folge: Die schweizer Versicherungen zahlen die Policen an Hitler aus, z.T., ohne die jüdischen Inhaber vorher zu informieren.


Besprechung des Films: Vollmachten, Strohmänner und Kontenraub nach 1945

Hasenfratz:
Also, ich kann nur für die ZKB sprechen. Wir haben Konten im Wert von 1,5 Millionen Franken gefunden, und insgesamt sind es 169 Kunden.

Lichtsteiner:
Aber wissen Sie das schon länger oder haben Sie diese erst jetzt gefunden?

Hasenfratz:
Die meisten kannten wir schon, und beim Bankverein und auch bei den anderen Grossbanken war es ein Informatikproblem, denn die Akten sind in die Informatik aufgenommen worden, und statt dem tatsächlichen Eröffnungsdatum bei den Konten ist dort das Datum des Übertrags in der Informatik angegeben, so dass wir am Anfang wirklich gesagt haben, es gäbe keine solchen Konten mehr.

Studer:
Haben Sie denn eine Ahnung, wie viele Holocaust-Opfer nun darunter sind?

Hasenfratz:
Wir haben keinen J-Stempel bei den Banken geführt. Die Konten sind also von aussen gar nicht als jüdisch zu erkennen, und die Juden hatten damals noch keinen Staat. Wir haben viele Deutsche unter den Konten, aber die Hauptträger kommen v.a. aus Österreich und Russland.  Zu den zwei Nazi-Grössen ist zu sagen: Bei einem sind noch 5 Franken drauf, das ist ein Restposten einer Verrechnung, die andere Dame scheint nach Abklärungen nicht die zu sein, als die man sie vermutet hat.

Lichtsteiner:
Also, es wurden nun 61 Millionen Franken gemeldet. Wie gross ist denn der Holocaust-Anteil?

Balzli:
Es hat 1962 eine erste Auszahlung stattgefunden, aber eine Aussortierung war damals nicht möglich.

Studer:
Die Wertzahlen haben sich aber immer erhöht. Wieso?

Hasenfratz:
Das ist so, weil die Definition der gesuchten Konten immer wieder anders war. 1947 wurden Konten gesucht von Leuten, von denen man wusste, dass sie Opfer sind und keine Erben haben. Man hat Leute geschickt. Zum Teil waren die Zustände in Europa aber auch so unübersichtlich noch, dass gar keine Kontaktaufnahme möglich war.

Balzli:
Die Banken wollten aber auch nicht finden. Sie wollten den Betrag klein halten, um damit zu bestätigen, dass das gar kein Thema sein könne, und dien Gesetz des Bundesrates haben sie abgeschmettert

[mit Hilfe des banken- und nazi-freundlichen Bundesrichters Leuch, der vorher Präsident der Zürcher Börse war].

1962 wurde die Suche dann wieder anders definiert als mutmassliche Opfer rassistischer und religiöser Verfolgung, was speziell auf die Juden zugeschnitten war. Man hat nach jüdischen Namen gesucht, aber die Verschleierungsfirmen und Strohmänner hat man ausgelassen. Jetzt 1997 melden wir einfach restlos alles, und dann kommen auch alle Strohmannkonstruktionen an den Tag.

Lichtsteiner:
1975 wurden dann 10 Millionen ausbezahlt.

Studer:
Es gibt natürlich immer eine gewisse Grauzone von Bankiers, die das übriggebliebene Geld einfach vom Konto abgehoben haben.

Hasenfratz:
Das war möglich. Der Treuhänder hat es bezogen durch seine Vollmacht, und dann ist jede Spur des Kontos verwischt und nicht mehr feststellbar.

Balzli:
Das ist ein riesiges Problem. Man konnte nie nach den Vollmachten suchen, weil kein zentrales Vollmachtenregister existierte. Die Vollmachten müssten zentralisiert werden.

Hasenfratz:
Bei den bestehenden Konten ist es absolut kontrollierbar, wer die Vollmacht hat. Aber bei den bezogenen Konten ist kein Weg mehr verfolgbar, ausser rein zufällig, bei Verdacht vielleicht.

Balzli:
Der Strohmann war meist unbekannt, z.T. auch der jeweiligen Familie nicht bekannt, einfach aus Sicherheitsgründen. Und so kamen die Juden nach dem Krieg, und keiner konnte ihre Konten finden, weil die Strohmänner nicht bekannt waren.

Studer:
Wie läuft denn das jetzt mit den Gesuchen?

Hasenfratz:
Es können über die ATAG Treuhand Gesuche gestellt werden. Diese werden gesammelt und in einer Dokumentation an die SNB geschickt, dann an die Volker-Kommission geschickt zur Prüfung der Übereinstimmung und schlussendlich an die Bank gesandt.

Lichtsteiner:
Und wieso war das nicht früher möglich?

Hasenfratz:
Wie gesagt, wir sind zu formaljuristisch in der Vergangenheit mit unseren Kunden umgegangen. Also, einen Stammbaum erwarten wir schon, sonst kann ja jeder sagen: Meine Cousine hat... und mein Cousin hat. Aber gewisse Risiken werden natürlich immer übrigbleiben.

Studer:
Hat denn nun ein Umdenken stattgefunden bei den Banken?

Hasenfratz:
Ja. Dieses Umdenken hat stattgefunden.

Studer:
Im Oktober werden nun 20.000 weitere Namen von Schweizern publiziert.

Balzli:
Also, die 12.000 auf der jetzigen Liste sind die ausländischen Konti, die 20.000, die folgen werden, wobei das auch nur eine Schätzung ist, sind die schweizer Inhaber von Konti, wobei das für manche wieder eine Enttäuschung sein wird, aber da kommen dann alle die Strohmannkonstruktionen heraus.

Studer:
Nur diejenigen Profiteure, die da Geld mit der Vollmacht in den eigenen Sack gesteckt haben, werden dabei nicht mehr erfasst, denn dieses Konti sind gelöscht.


Film: Ein Fall eines Versicherungsnehmers - die Police wird 1945 nicht ausbezahlt

Eine schweizer Versicherung wirbt um jüdische Kunden. Nach der Reichskristallnacht werden die Praktiken der Versicherung "angepasst". Das jüdische Vermögen der Police wird dem Reich ausgehändigt. Nach dem Krieg kommen Juden und erheben Anspruch, aber sie bekommen nichts.

Fall: Julius Nussbaum hatte 1938 eine Police bei der Basler. Die Basler zahlt nach der Reichskristallnacht den Wert der Police dem Reich aus. Julius kommt 1945 und will die Auszahlung der Police. Die Versicherung gibt nichts. Die Versicherung behauptet, sie habe  nach damaligem Deutschen Recht gehandelt. Bei einem zweiten Schreiben behauptet die Bank gegenüber Nussbaum, er wolle sich auf Kosten der Schweiz bereichern.

Dies ist kein Einzelfall. Ebensolche Fälle liegen der Rentenanstalt vor.


Diskussion

Lichtsteiner:
Auch andere ausländische Versicherungen haben dieses Problem, z.B. die italienische "Generali".

Balzli:
Die Versicherungen hatten eigene Vertretungen in Deutschland. Die Banken dagegen hatten keine Vertretungen. somit gab es solche Fälle bei den Banken nicht. Die Versicherungen wollten sich mit der Anpassung nicht das Geschäft vermiesen mit den Deutschen, und es gab eine Verordnung, nach der Juden im Ausland ihr Vermögen in Deutschland verlieren, und da auch Polen mit seinen KZs

[und Weissrussland, und die Ukraine, und die Baltenstaaten mit ihren KZs und Stätten der Massenerschiessung]

als Ausland galt, gab es viele solche Fälle, wo das Vermögen einkassiert wurde bzw. die Versicherungen die Policen den Nazis auszahlen mussten. Aber es wäre ein Spielraum dagewesen, diese Auszahlungen zu verhindern. So sind auch noch zu später Zeit des Krieges die Policen ausbezahlt worden, auch noch Ende 1944, als der Krieg wirklich schon verloren war.

Dann gab es zwei Arten von Policen: mit einem Auszahlungsort nur in Deutschland, oder mit zwei Auszahlungsorten als Sicherheit, also in Deutschland und zum Beispiel noch in Basel. Aber auch diese Sicherheit hat nichts genützt.

Hasenfratz:
Die Töchter der Versicherungen waren deutschem Recht unterstellt. 1957 hat der deutsche Staat diese Versicherungsnehmer entschädigt im Verhältnis 1:10. Somit ist die Schweiz in dieser Sache nicht sehr im Schussfeld. Bei der Ombudsstelle der Versicherungen sind denn auch nur 40 Anfragen eingegangen, gegenüber 5000 bei den Banken.

Studer:
Aber es wurden auch jüdische Vermögen in der Schweiz an die Nazis ausbezahlt, und es gab auch bei der ZKB Leute, die für das deutsche Reich gearbeitet haben, die dann entlassen wurden. Es wurden den Juden z.T. Vollmachten abgepresst, und die Besitzer der Vollmacht haben dann in der Schweiz das jüdische Konto abgeräumt. Meist waren das die "zwei Herren in Schwarz" [SS-Männer im schwarzen Mantel], und gewisse Bankiers haben immer ausbezahlt. Nur wenige haben verweigert.

Hasenfratz:
Ja, wir hatten ein oder zwei "Maulwürfe" bei uns, die von den Deutschen bezahlt und eingeschleust waren. Wir haben das zur Kenntnis genommen, die Polizei informiert und dann 6-8 Monate gebraucht, um herauszufinden, wer es war. Der zweite Fall bezog sich auf ein Schrankfach, wo zwei Herren in Schwarz mit einer erpressten Vollmacht die Räumung verlangten.

Balzli:
Aber gerade bei diesem Schrankfach war eine Warnung aus Bern da.

Lichtsteiner:
Also, die Rückerstattung ist jetzt am Laufen. Aber was geschieht denn nun mit den unrechtmässig ausbezahlten Geldern?

Studer:
Hat denn da die SNB nicht ihre Sorgfaltspflicht verletzt?

Balzli:
Also, es ist klar, dass eine erpresst Vollmacht ungültig ist. Da sind auch Bundesgerichtsentscheide da.

Hasenfratz:
Es muss bezahlt werden, wenn es illegal ist.

Studer:
Jetzt ist in New York eine Sammelklage hängig. Wie ist denn dort der Stand?

Hasenfratz:
Das Hearing ist morgen. Es werden die Seiten angehört, aber noch keine Entscheide gefällt. Innerhalb des Verfahrens sind die ersten entscheide in ca. 6 Monaten zu erwarten, und zwar ist der erste Entscheid der, ob die Klage als Sammelklage als solche akzeptiert wird, oder ob die drei verschiedenen Klägergruppen getrennt klagen müssen.

Studer:
Wie wird denn die Schweiz im besten Fall dastehen?

Rahn:
Die Nachrichtenlosen Vermögen müssen bis auf den letzten Pfennig zurückbezahlt werden, und wenn unmöglich, dann an wohltätige Institutionen. Wir waren natürlich viel zu langsam. Die Banken haben überhaupt nichts verstanden von dem Gewicht des Problems. Im besten Fall können wir uns mit den Amerikanern und den jüdischen Organisationen verständigen, so dass es kein Abkommen gibt, sondern eine Verständigung.

Trepp:
Es ist auch eine Frage der Identität. Die Schweiz gilt nun wirklich als Land der Hehler und Banken Hitlers, und es ist keine Imagekorrektur mehr möglich. Die innenpolitische Auseinandersetzung kommt erst noch.

Hasenfratz:
Ich sehe das Ganze nicht so dramatisch. Was wichtig ist, ist, was mit der Solidaritätsstiftung passiert. Wenn diese abgelehnt wird, dann ist der Ruf natürlich noch einmal verschlechtert. Wenn alles mit Anstand über die Bühne geht, dann wird in der heutigen kurzlebigen Zeit schnell eine andere Schlagzeile kommen. Ich sehe das Ganze wirklich nicht so pessimistisch. Allenfalls könnte es ein paar Kunden geben, die am Bankgeheimnis zu zweifeln beginnen, und so könnten wir ein paar Kunden verlieren.


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15.1.1998: Die schweizerischen Arbeitslager im Zweiten Weltkrieg: <Die schweizerischen Arbeitslager im Zweiten Weltkrieg. Retten, drillen, weiterschieben>

[Zwangsarbeit, Kindswegnahmen, Sexverbote, die Verpflichtung zur Weiterreise von Flüchtlingen in der Schweiz durch das Rothmund-Gesetz 1933-1950]

aus: Die Wochenzeitung (WoZ); 15.1.1998 (3/1998), S.5


Literatur:
-- Nettie Sutro (Schweizerisches Hilfswerk für Emigrantenkinder): "Jugend auf der Flucht" 1952
-- Alfred A. Häsler: "Das Boot ist voll".
Ex Libris, Zürich 1967
-- Silvia Plüss-Pozzi: "Vierzig Jahre im Dienste der Flüchtlinge in der Schweiz, 1945-1985". Bericht der schweizerischen ökumenischen Flüchtlingshilfe. Bern 1985
-- Edith Dietz: "Freiheit in Grenzen". dipa-Verlag. Frankfurt a.M. 1993
-- Charlotte Weber: "Gegen den Strom der Finsternis". Chronos-Verlag. Zürich 1994


<Können die schweizerischen Arbeitslager während des Zweiten Weltkriegs mit Sklavenlagern verglichen werden? Das Simon Wiesenthal Centrum tut das und will von der Schweiz Entschuldigung und Entschädigung.

BARBARA AFFOLTER

Fred Alexander und Michael Roth, ehemalige jüdische Flüchtlinge, die in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs in Arbeitslagern interniert waren, wollen gegen die Schweiz vorgehen. In den Arbeitslagern habe es ausser wässriger Suppe, etwas Kaffee und Brot kaum zu essen gegeben, obschon man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf den Feldern schwer habe arbeiten müssen. Und geschlafen habe man auf Stroh, "wie in einem KZ der Nazis". Der Bericht des Simon Wiesenthal Zentrums erhebt dieselben Vorwürfe.

Flüchtlingstransitland Schweiz [Rothmund: "auf diesem Stroh dahinvegetieren"]
"Sollen sie nur auf diesem Stroh dahinvegetieren, bis sie von sich aus wieder gehen wollen. Sie sollen nur sehen, dass die Schweiz kein Paradies ist, und jene entmutigen, die noch zu uns kommen wollen." Dies soll der Chef der eidgenössischen Polizeiabteilung - des Vorläufers der heutigen Fremdenpolizei -, Heinrich Rothmund, anlässlich eines Rapports in einem Internierungslager gesagt haben. Der Ausspruch, der 1957 im Ludwig-Bericht an den Bundesrat über die Flüchtlingspolitik der Schweiz zwischen 1933 und 1945 zitiert wurde, ist schon damals heftig kritisiert worden. Die Polizeiabteilung wiegelte damals ab, Rothmund habe nur sagen wollen, dass auch schweizer Soldaten auf Stroh schliefen. Sicher ist: Den Flüchtlingen - allen voran den jüdischen - wurde deutlich zu verstehen gegeben, dass sie nur geduldet waren.

[Arbeitsverbot für Flüchtlinge - Verpflichtung zur Weiterreise für Flüchtlinge bis 1950]
Die Schweiz war ein Transitland: Bereits 1933 gab der Bundesrat eine Weisung heraus, nach der die Flüchtlinge verpflichtet waren, sofort ihre Weiterreise in ein anderes Land zu organisieren. Gleichzeitig erliess er ein striktes Arbeitsverbot. Die Flüchtlingshilfe konzentrierte sich deshalb  vor allem auf die Hilfe bei der Weiterreise. Die Weisung, Flüchtlinge ausschliesslich vorübergehend aufzunehmen, wurde erst 1950 wieder aufgehoben.

[Flüchtlingshilfe bis 1942 in privater Hand - Militärflüchtlinge staatlich betreut]

Die Betreuung und Unterstützung der Flüchtlinge lag bis 1942 ausschliesslich in den Händen privater Organisationen. Der Staat kümmerte sich nur um die "Militärpersonen", die geflohenen Kriegsgefangenen und die Deserteure. Die "Zivilpersonen", die seit Ausbruch des Krieges zunehmend mittellos in die Schweiz flohen, brauchten nicht nur Beratung bei der Weiterreise, sondern immer mehr auch finanzielle Hilfe.

Die private jüdische Fürsorge hatte sich bereits 1938 verpflichten müssen, alle anfallenden Kosten für die jüdischen Flüchtlinge zu übernehmen, nur deshalb war die Schweiz laut Rothmund bereit, weitere Juden über die Grenze zu lassen: "Man durfte es damals wagen, weil man die Zusicherungen der leitenden Persönlichkeiten der schweizerischen Judenschaft hatte, die jüdische Flüchtlingshilfe werde die Unterkunft und Verpflegung der Flüchtlinge während ihres Aufenthaltes in der Schweiz aufkommen." So haben 18.000 schweizerische Juden - später unterstützt durch Hilfe aus den "USA" und eine vom EJPD durchgesetzte Sondersteuer, die von begüterten Flüchtlingen verlangt wurde - alle Kosten für die jüdischen Flüchtlinge übernommen.

[Flüchtlinge in Arbeitslagern ab 1942]
Erst 1942, als die privaten Hilfswerke, Vereine und Komitees überfordert waren, führte der Bund die Arbeitsdienstpflicht ein. Fortan übernahm er die Kosten für die Unterbringung der Flüchtlinge. Alle Arbeitstauglichen mussten in Lagern leben und hier ihren Beitrag zur Anbauschlacht leisten.

Lager wie preussische Kasernen

[Das schweizerische Lagersystem: Lagerarten]
Die Schweiz betrieb während des Zweiten Weltkriegs folgende Typen von Lagern: Sammellager für neu eingetroffene Flüchtlinge, Quarantänelager, Auffanglager (für Flüchtlinge, deren Verhältnisse nach ihrem Aufenthalt in den Sammel- und Quarantänelagern weiter abgeklärt werden sollten) sowie Arbeitslager und Ausbildungslager.

Aus einer Zusammenstellung der Polizeiabteilung vom 17. Januar 1944 geht hervor, dass damals 5612 Flüchtlinge in Quarantäne- und Auffanglagern, 3681 in Arbeitslagern, 4028 in Interniertenheimen, 262 in "besonderen Lagern" und 24 in Strafanstalten lebten.

[Nicht geschulte antisemitische Drill-Offiziere als Lagerleiter]
Das Leben in den Lagern und Heimen war für die Flüchtlinge oft kaum zu ertragen. Dem unendlichen Leid, das jeder Flüchtlinge durchlebt hatte, wurde kaum Rechnung getragen. Die Lagerleiter - oft Offiziere der Schweizer Armee - waren völlig unvorbereitet für diese Aufgabe. Alfred E. Häsler belegt in seinem Buch "Das Boot ist voll" mehrere Fälle von Offizieren, die man als Lagerleiter eingesetzt hatte, obschon sie deklarierte Antisemiten waren. Ordnung und Disziplin erschienen wichtiger als das seelische Wohl der Insassen. Mit militärischem Drill und unnötigen Schikanen wie Redeverbot während der Arbeit wurden die Flüchtlinge in manchen Lagern systematisch gedemütigt.

Charlotte Weber, die in den letzten Kriegsjahren als Lagerleiterin gearbeitet hat, zitiert in ihrem Buch "Gegen den Strom der Finsternis" den Brief einer Frau:

"Ich denke mir manchmal wirklich, warum ich vor den Deutschen ausgerückt bin, um wieder in einer preussischen Kaserne zu landen..."

[Trennung von Flüchtlingsfamilien, Kindswegnahme, Sexverbot]
Menschenrechtswidrig ist aus heutiger Sicht auch die Trennung der Familien bei der Internierung: Frauen und Männer kamen in getrennte Lager, die Kinder in separate Heime oder in private Freiplätze. Wie traumatisch diese Trennung für Ehepaare oder Geschwister war, die oft sämtliche Angehörige verloren hatten, auf der Flucht immer in Gefahr gewesen waren, einander zu verlieren, hat Häsler mit einem Briefausschnitt dokumentiert: "Wir sind eine vierköpfige Familie, jeder an einem anderen Ort! Und meine Frau und ich, wir werden wahnsinnig, weil wir keine Aussicht sehen, einmal wieder vereint zu werden."

Edith Dietz, die 1942 in die Schweiz geflüchtet war, berichtet in den Erinnerungen an ihre Internierungszeit in der Schweiz sogar von einer Frau, die ihr Kleinkind noch während der Stillzeit in eine private Familie habe geben müssen. Die ehemalige Lagerleiterin Charlotte Weber meint heute, dass neben Sachzwängen auch eine zweifelhafte Moral Anlass für die Trennung von Familien gewesen sei: "Die meisten Flüchtlinge konnten nicht beweisen, dass sie verheiratet waren. Und man wollte nicht, dass sie sich vermehrten."

Die Härte im Umgang mit den Flüchtlingen war aber nicht ausschliesslich den Behörden vorbehalten. "Wie oft haben wir uns gegrämt", schreibt Nettie Sutro vom Schweizerischen Hilfswerk für Emigrantenkinder 1952 im Buch "Jugend auf der Flucht": "Da arbeiteten wir mit letzter Kraft, wollten nur retten, helfen, lindern und wurden ganz gegen unsere Absicht wie über Nacht zu 'Hartherzigen', 'Verständnislosen', 'Bürokratinnen'." Immerhin habe sich das Hilfswerk die Frage gestellt, ob die Trennung von Kindern und Eltern richtig gewesen sei; Sutro zweifelt nicht daran: "Wir wussten wohl, was wir den Erwachsenen damit antaten; aber man hatte nur die Wahl, entweder die Kinder in eine möglichst günstige Lage zu bringen oder die Gefühle der Väter und vor allem der Mütter zu schonen. Es war offenbar zu viel verlangt, dass Flüchtlingseltern ihre eigenen Wünsche im Hinblick auf die der anderen mässigten und still verzichteten."

[Machtlose Journalisten plädieren für die Rechte der Flüchtlinge - Singverbote im Lager für Kommunisten]
Eine Reihe von schweizer Persönlichkeiten setzten sich politisch, publizistisch und persönlich für die Anliegen der Flüchtlinge und immer auch für Einzelschicksale ein. So der evangelische Pfarrer Paul Vogt oder die "Flüchtlingsmutter" Gertrud Kurz. Sie nahmen den Kampf mit den Behörden, mit Heinrich Rothmund und Bundesrat Eduard von Steiger persönlich auf. So konnte Kurz nach dem schwarzen 13. August 1942, als Rothmund aufgrund eines Bundesratsbeschlusses die Grenzen schliessen liess, in einem persönlichen Gespräch mit von Steiger erreichen, dass die Bestimmungen etwas gelockert wurden. Andererseits musste sie den Behörden viele Gefallen und ihre Loyalität unter Beweis stellen: So schickte man sie mehrmals ins Tessin, um mit den internierten Kommunisten zu verhandeln: Sie sollte sie davon abbringen, im Lagern lauthals ihre Parteilieder zu singen.

[Flüchtlingsarbeit bis 1950: Visa, Taschengeld, Kleider, Plätze organisiert - ab 1950 Asylrecht]
"Was damals getan wurde, war Feuerwehrarbeit", sagt Silvia Plüss, die von 1945 bis 1985 in der Flüchtlingshilfe tätig war. "Von einer eigentlichen Betreuungsarbeit konnte man noch nicht sprechen. Wir haben Visa besorgt, Taschengeld, Kleider, haben Freiplätze gesucht. Die eigentliche Flüchtlingsbetreuung kam 1950 erst mit dem Dauerasyl."

Ein Hilfswerk von damals dürfe man nicht mein einem heutigen vergleichen, meint Plüss: "Die Hilfswerke waren im Entstehen, das waren keine grossen Institutionen, es waren kleine personifizierte Kreise, vielleicht auf ein Pfarrhaus beschränkt."

"Es wird um jeden Einzelnen gekämpft", schrieb 1943 der Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorge. Die Hilfswerke kümmerten sich um die Flüchtlinge als Menschen, als Individuen und anerkannten ihr persönliches Leid und Schicksal. so wurden die Hilfswerke gleichsam zum Gewissen der Nation. "Durch die unterschiedlichen Hilfswerke waren alle gesellschaftlichen Schichten in die Flüchtlingshilfe eingebunden", sagt Plüss. So war die soziale Trägerschaft des Arbeiterhilfswerks eine andere als beispielsweise die des Hilfswerks für deutsche Intellektuelle.

Bis heute ist Plüss der Meinung, dass Flüchtlingshilfe von privaten Institutionen getragen werden müsse. Auf den Staat sei in Notzeiten kein Verlass, da er oft glaube, nach anderen Kriterien als der reinen Menschlichkeit handeln zu müssen.

[Erst ab 1944 wird Forderungen der Flüchtlingswerke nachgegeben]
Im letzten Kriegsjahr entspannte sich die Situation für die Flüchtlinge ein wenig. Als das Kriegsende in Sicht war, wurden endlich alte Forderungen der Hilfswerke erfüllt: Jugendliche konnten eine  Berufslehre machen. "Arbeitstaugliche" Flüchtlinge durften jetzt auch ausserhalb der Lager wohnen. Das Arbeitsverbot wurde gelockert, Umschulungskurse wurden angeboten.

Ende Februar 1945 organisierte die Zentralstelle für Flüchtlingshilfe eine Konferenz in Montreux, um über die Rück- und Weiterreise der Flüchtlinge zu beraten. Neben den Hilfswerken nahmen Vertreter der Behörden teil, und erstmals wurden - als Zeichen der entspannteren Lage - auch Flüchtlinge selbst um ihre Meinung gefragt. Die Ergebnisse der Konferenz waren materiell gering. Man einigte sich darauf, dass bei der Weiterreise kein Druck auf die Flüchtlinge ausgeübt und niemand gegen seinen Willen in ein Land abgeschoben werden sollte. Erstmals 1947 wurde einer Gruppe von betagten und psychisch kranken Flüchtlingen in der Schweiz "Dauerasyl" gegeben. 1950 hob der Bundesrat die Weisung aus dem Jahr 1933 über die Pflicht zur Weiterreise für Flüchtlinge und Emigranten auf. Erst jetzt erhielten die Flüchtlinge keine Briefe mehr, in denen die Polizeiabteilung die Flüchtlinge regelmässig gefragt hatte: "Was haben Sie für Ihre Weiterreise unternommen?">


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Mai 1998: <Judenstempel: Korrektur einer Halbwahrheit> - der Judenstempel "J" wurde in Koordination mit Deutschland eingeführt

aus: Schweizerischer Beobachter 18/98, S.12-15

<von Urs Rauber;

Die Schweiz war nicht die Erfinderin des Judenstempels. Doch sie bahnte - wie andere Staaten auch - mit ihrer hartherzigen Flüchtlingspolitik den Weg dazu. Der Beobachter muss seine damalige Kritik am schweizer Polizeichef Heinrich Rothmund korrigieren.

Es war eine politische Bombe, die der Beobachter am 31. März 1954 zündete. Er enthüllte, dass die Einführung des "Judenstempels" durch die Nazis auf Initiative von Heinrich Rothmund erfolgt sei. Rothmund war seit 1929 Chef der Polizeiabteilung im Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement - und zum Zeitpunkt der Publikation immer noch in Amt und Würden. Der öffentliche Druck, den die Publikation erzeugte, führte zum Rücktritt des Polizeichefs im Dezember 1954. Und die schäbige Flüchtlingspolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg wurde erstmals Thema einer breiteren Diskussion.

Jetzt wird diese Diskussion neu aufgerollt. Was gestern eindeutig schien, erweist sich heute als nur noch bedingt richtig. So etwa die Behauptung, die Schweiz - beziehungsweise deren Polizeichef Heinrich Rothmund - habe den Judenstempel erfunden. Die NZZ und die rechtskonservative "Schweizerzeit" haben bereits vor Wochen darüber eine Debatte geführt.

Im März 1954 berichtet der Beobachter von einer "unglaublichen Affäre". Er erinnerte an den Judenstern, der die Verhaftung und die Deportation der "minderwertigen andersrassigen Menschen" in Deutschland  erleichtert und direkt "zu den Gaskammern von Auschwitz" geführt habe: "Dem Schweizer Rothmund kommt das schreckliche Verdienst zu, den Nationalsozialisten den Weg zu dieser amtlichen Kennzeichnung der Juden gebahnt zu haben." So schrieb der Beobachter unter Berufung auf neu publizierte Akten der Alliierten zur deutschen Aussenpolitik.

Am 30. April 1954 doppelte der Beobachter nach: "Rothmund war es, der die Kennzeichnung der Pässe deutscher Juden vorgeschlagen hat." Vier Jahre später, am 28. Februar 1958, schlug die Redaktion einen noch schärferen Ton an: "Im Jahr 1938 erklärte sich die Naziregierung auf Veranlassung der schweizer Behörden mit dem niederträchtigen Kennzeichnen der Pässe jüdischer Staatsangehöriger durch das entwürdigende "J"-Zeichen einverstanden." Die kritische Presse, Linksparteien und jüdische Organisationen protestierten heftig. Und der Bundesrat beauftragte den Basler Rechtsprofessor Carl Ludwig, einen Bericht zur schweizer Flüchtlingspolitik im zweiten Weltkrieg zu verfassen.

Die Folgen einer Fehldeutung

Das böse Wort von der "Erfindung des "J"-Stempels durch die Schweiz" war geboren und fand Eingang in die seriöse Geschichtsschreibung. So notierte etwa Jacques Picard, heute Mitglied der Bergier-Kommission, in seinem Buch "Die Schweiz und die Juden" von 1995:

"Schweizerische Amtsstellen hatten im Sommer 1938 in Berlin die Einführung der besonderen Kennzeichnung deutscher Pässe, deren Inhaber "Nichtarier" waren, angeregt."

Bundespräsident Kaspar Villiger erklärte zum 50. Jahrestag des Kriegsendes am 7. Mai 1995: "Mit der Einführung des Judenstempels kam Deutschland einem Anliegen der Schweiz entgegen."

Und auch US-Staatssekretär Stuart Eizenstat griff in seinem Bericht vom Mai 1997 die Behauptung auf:
"Die Schweiz veranlasste die Nazis zum J-Stempel, der Zehntausende von Juden daran hinderte, in die Schweiz oder an andere potentielle Zufluchtsorte zu gelangen."

Gegenüber dem Beobachter präzisierte Historiker Picard, dass sein Satz "eine zusammenfassende Sicht des Ludwig-Berichts und der Diskussion der fünfziger Jahre" wiedergebe "und nicht meiner Ansicht entspricht."

Und auch (S.12) Bundesrat Villiger legte Wert auf die Feststellung, dass er Rothmund gar nicht erwähnt habe (siehe Kasten Seite 15).

Dennoch: Die Behauptung, die Schweiz sei Initiantin des "J"-Stempels gewesen und hätte bei der Durchführung der deutschen Rassengesetzgebung eine Vorreiterrolle gespielt, geistert in den Köpfen herum. Heute ist dieser "Mythos" (NZZ) zu korrigieren. Das legt eine sorgfältige Lektüre des 1957 erschienen Ludwig-Berichts und neuerer Fachliteratur nahe.

Unbestritten ist, dass Rothmund an zentraler Stelle für die Flüchtlingspolitik im Krieg verantwortlich war: für eine Politik, die unter der Devise vom "vollen Boot" die Grenzen dicht machte - vor allem im August 1942, als in Deutschland die "Endlösung der Judenfrage" bereits Tatsache war. Rothmund sah in den Juden einen "Fremdkörper" und sprach sich wiederholt gegen die "Verjudung der Schweiz" aus. Seine antisemitische Einstellung ist hinlänglich belegt. Daneben war er allerdings auch ein Gegner des Nationalsozialismus. Die in Deutschland praktizierten totalitären Methoden lehnte er ab. Dies zeigen die Quellen in den neu edierten "Diplomatischen Dokumenten der Schweiz".

Flüchtlingsfeindliches Umfeld

Auch die hartherzige schweizer Flüchtlingspolitik muss aus der damaligen Situation beurteilt werden. Nach der Annexion Österreichs im März 1938 sah sich unser Land mit einem wachsenden Zustrom von - vor alle jüdischen - Flüchtlingen konfrontiert. Im Juli gleichen Jahres scheiterte die internationale Flüchtlingskonferenz von Evian: Länder wie Holland, Belgien, England begannen, ihre Grenzen zu schliessen.

Auch die "USA" weigerten sich, mehr als die gesetzlich vorgeschriebene Zahl von 27.000 Flüchtlingen aufzunehmen. Die Schweiz hatte damals immerhin 10.000 bis 12.000 Verfolgten Schutz geboten. Viele in unserem Land befürchteten eine Überfremdung und Belastung des Arbeitsmarkts. Auch Hilfswerke und jüdische Verbände sorgten sich wegen der wachsenden Flüchtlingsströme.

In dieser Situation forderte der Bundesrat ein Visum für österreichische und deutsche Passbesitzer: ein fataler Vorstoss, der den Weg zum J-Stempel bahnte. Die Konsulate im Ausland sollten nur jenen eine Bewilligung erteilen, die in der Schweiz Angehörige oder ein Vermögen hätten, sowie an Weiterreisende.

Die deutsche Regierung wehrte sich gegen den von der Schweiz verlangten Visumszwang. Denn er hätte auch nicht auswanderungswillige "arische Personen" betroffen. Der schweizer Gesandte in Berlin, Paul Dinichert, wollte den deutschen Wünschen entgegenkommen und schlug am 16. Mai vor, den Visumszwang "auf die nichtarischen deutschen Staatsangehörigen" zu beschränken. Damit waren vor allem - aber nicht nur - jüdische Emigranten gemeint (S.13).

Im August und September 1938 fanden Verhandlungen zwischen Berlin und Bern statt. Angesichts des Einwanderungsdrucks war die Schweiz jetzt entschlossen, das Visum einzuführen. Am 22. August schlug Rothmund für alle Emigranten einen Passvermerk vor. Nach Meinung des Historikers Alfred Cattani war sich Rothmund bewusst, "hier auf heiklem Terrain zu stehen" - auch aus innenpolitischen Gründen. Deshalb fasste er seine Formulierung so, dass sie nicht nur auf Juden, sondern auf alle deutschen Emigranten abzielte.

Als der deutsche Gesandte sondierte, ob die Schweiz nicht auf das Visum verzichten könne, wenn Deutschland die jüdischen Passinhaber ausdrücklich als solche bezeichne, antwortete Rothmund, "dass die Lösung technisch möglich", aber politisch fraglich wäre.

Rothmund gegen "J"-Stempel - [die deutsche Seite schlägt den J-Stempel vor, die schweizer Seite akzeptiert]

Von einem J-Stempel war erstmals im Schreiben von Dinicherts Nachfolger, Hans Fröhlicher, vom 7. September die Rede. Der Vorschlag wurde von Geheimrat Roediger vom Auswärtigen Deutschen Amt unterbreitet. Aus Gründen der Gegenseitigkeit müsse aber auch die Schweiz die Pässe von schweizer Juden stempeln. Fröhlicher, der den Wünschen Berlins näher stand als Rothmund, äusserte die Auffassung, "dass die deutsche Regierung uns mit ihrem Vorschlag sehr weit entgegenkomme und dass die Lösung annehmbar sei."

Rothmund meldete sofort Bedenken an:
"Eine Abmachung, wonach die schweizerischen Juden anders behandelt werden als nichtjüdische Schweizer, scheint mir nicht tragbar."

Zudem betreffe das Ausreiseproblem nicht nur Juden, sondern auch Kirchenvertreter und Deutschnationale:
"Flüchtlinge, die in weit grösserem Mass den Stempel der "politischen" auf sich tragen als die Juden."

Der deutsche Vorschlag sei abzulehnen, weil die Schweiz riskiere, "die ganze zivilisierte Welt gegen uns zu haben."

Aufgrund des Ludwig-Berichts steht also fest, dass Rothmund ein Gegner des "J"-Stempels war.

Am Schluss der vertraulich geführten Verhandlungen Ende September eröffnete der deutsche Delegierte Werner Best, dass seine Regierung zur Durchführung der Nürnberger Rassengesetze von 1935 zwei Massnahmen beschlossen habe die Stempelung des "J"-Zeichens auf Inlandkarten von Nichtariern (eine Massnahme, die mit der Emigration nichts zu tun hatte) und die Abgabe von "J"-gestempelten Auslandpässen an Nichtarier, die die Übersiedlungsbewilligung eines anderen Staates besassen.

Die ursprünglich geforderte Stempelung der Pässe von schweizer Juden liess die deutsche Regierung in der Verordnung vom 5. Oktober 1938 wieder fallen. Bundesrat Motta und der Gesandte Fröhlicher drangen darauf, die Berliner Vereinbarung zu unterzeichnen. So stimmte der Bundesrat zu - gegen die Bedenken Rothmunds. Damit ist klar: Beim J-Stempel handelt es sich um einen deutschen Vorstoss, der in der Tradition antijüdischer Erlasse seit 1933 stand. Der Vorstoss war auch eine Antwort auf das schweizer Flüchtlingsproblem. Dass unser Land solcher Rassendiskriminierung zustimmte, war für die jüdischen Flüchtlinge verheerend. Die inhumane, für viele tödliche Massnahme war auch staatspolitisch falsch, denn sie löste das Einwanderungsproblem nicht.

"Verstrickungen und Schuld" führten zum J-Stempel, folgerte Alfred Cattani in der NZZ. Für ihn trägt der Bundesrat die Hauptverantwortung für die schweizerische Mitschuld. Verantwortlich waren auch die schweizer Repräsentanten in Berlin. "Rothmund hingegen resignierte schliesslich vor dem Willen des Bundesrats und machte sich wider besseres Wissen zum Mitbeteiligten."> (S.15)

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21.10.1999: KZ Büren an der Aare 1940-1945: "Bürs"

aus: Tagesanzeiger online: "Auf die gleiche Art wie in Deutschland"; 21.10.1999;
http://www.tages-anzeiger.ch/991021/210699.HTM

Buchempfehlung
<Jürg Stadelmann/Selina Krause: "Concentrationslager" Büren an der Aare 1940-1946. Das grösste Flüchtlingslager der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Verlag hier+jetzt, Baden 1999. 58 Fr.>

<Ein neues Sachbuch erinnert an das grösste Schweizer Internierungslager im Zweiten Weltkrieg und an ein unrühmliches Kapitel Flüchtlingspolitik.

Von Remigius Bütler

[Ein Internierungslager mit Stacheldraht, Baracken und Wachtturm]
Rudolf Müller, Münsinger Pfarrer und Chef des Armeefürsorgedienstes, war entsetzt über die "Konzentrationslagerkopie" in Büren an der Aare: Ein stacheldrahtumzäuntes Barackendorf, mittendrin ein Wachtturm - das grösste und am längsten betriebene Flüchtlingslager der Schweiz weckte auf den ersten Blick schlimme Assoziationen. 1990 erklärte ein früherer polnischer Wachtmeister: "Dies ist das Einzige, was ich den Schweizern vorwerfe: dass sie dieses Lager gebaut haben auf die gleiche Art wie die Lager in Deutschland." Solche Aussagen finden sich im Sachbuch "Concentrationslager Büren an der Aare" von den Historikern Jürg Stadelmann und Selina Krause.

[Ein Lager auf einer Insel - und die Liebe siegt trotzdem]
12 000 Polen hatten im Juni 1940 als Teil eines französischen Armeekorps die Grenze überschritten. Damals war die Schweiz auf die lange Internierung ganzer Einheiten nicht vorbereitet, der Territorialdienst war völlig überfordert. Ein mit Bundesrat Rudolf Minger befreundeter Oberst und Ingenieur entwarf ein Lager mit 6000 Plätzen. Das Areal war auf allen Seiten von der Aare umflossen und lag abseits vom Städtchen und weit ausserhalb des Réduits. Obwohl Kontakte zwischen Internierten und Einheimischen verboten waren, waren Liebesbeziehungen und Ehen zwischen Schweizerinnen und Polen keine Seltenheit.

Schüsse auf Meuterer - [zu wenig Beschäftigung - Alkohol und Schlägerei]

In Büren war zu einem Zeitpunkt ein "Concentrationslager" vorgesehen, als deutsche KZs noch den Ruf von Gefängnissen und Arbeitslagern, nicht aber von Massenvernichtungsstätten hatten. Flüchtlinge und Vertriebene an einem zentralen Ort unterzubringen, betrachteten die Verantwortlichen als effizienteste und kostengünstigste Lösung. Obwohl als Musterbeispiel helvetischer Improvisation gelobt, handelte es sich um eine Fehlkonzeption: An die seelische Verfassung der Menschen, von denen die meisten unterbeschäftigt waren, hatten die Planer nicht gedacht, so dass Alkoholmissbrauch und Raufereien zur Tagesordnung gehörten.

[Freiheitskämpfer inhaftiert - die Revolte am 28.12.1940]
Polnische Soldaten lebten als Erste in den 120 winterfesten Baracken im "Häftli", wie das Gebiet sinnigerweise hiess. Von der Bevölkerung vor kurzem noch als Freiheitskämpfer bewundert, taten sie sich schwer mit der militärisch straffen Organisation. Am 28. Dezember 1940 wuchs sich der Unmut zur Revolte aus. Die Lagerleitung liess schiessen, zwei Polen wurden verletzt. Von da an galten sie nicht mehr als "Helden", sondern als "Lagerinsassen", die es mit allen Mitteln zu disziplinieren galt.

Hunger und Bajonette - [jüdische Häftlinge ab Spätsommer 1942 - "Bürs"]

Ab Spätsommer 1942 folgten jüdische Flüchtlinge. Das Lager blieb aber unter militärischem Kommando, die Zivilisten wurden von Soldaten mit Schäferhunden und aufgepflanzten Bajonetten bewacht. Die martialische Umgebung wirkte angesichts der bereits erlebten Schrecken besonders beängstigend. Nebst Kälte und miserablen hygienischen Bedingungen machte den Männern, Frauen und Kindern auch Hunger zu schaffen, obwohl trotz Rationierung genügend Lebensmittel vorhanden waren. Der Name "Bürs" machte die Runde - in Anspielung auf das berüchtigte südfranzösische Lager Gurs. Die unsensible Behandlung kritisieren die Verfasser denn auch als "dunkles und unrühmliches Kapitel".

[7000 Inhaftierte - russische "Heimkehrverweigerer" 1945 - die Schweiz liefert die Russen aus]
Gesamthaft 7000 polnische Soldaten, jüdische Zivilisten, italienische Militärpersonen und Partisanen waren von 1940 bis Kriegsende hier untergebracht und erlebten "Helferwillen und Sympathie, aber auch Sturheit und Inkompetenz". Die Autoren Selina Krause und Jürg Stadelmann zeichnen ein differenziertes Bild des "Mikrokosmos Lager" und seinen Kontakten nach aussen. Die Verfasser beleuchten zudem die fast unbekannte Geschichte sowjetrussischer "Heimkehrverweigerer". Diese wurden zum aussenpolitischen Spielball zwischen Stalin und der Schweiz, die Hand für Zwangsrepatriierungen bot, um ihre diplomatischen Beziehungen zu normalisieren.

Nebst umfangreichen Quellen hat das Team Schilderungen vieler Zeitzeugen sowie illegal gedrehte Filme ausgewertet. Herausgekommen ist ein leicht lesbares, reichhaltig illustriertes Werk, das ohne moralisierende Wertungen auskommt und selbst wissenschaftlichen Ansprüchen genügt.

Remigius Bütler>

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31.8.2001: Das Polarrot für die Hakenkreuzfahne kam aus der Schweiz - Ciba machte sich "judenfrei"


aus: Georges Wüthrich: Das Polarrot der Hitlerfahne: Schweiz lieferte Nazis die Farbe; In: BLICK, 31. August 2001, S.1-2

<Die Farbe für die deutsche Hakenkreuzfahne kam aus schweizer Küchen

BERN - Das wird ja immer besser! Jetzt hat die Schweiz auch noch die rote Farbe für die Hakenkreuz-Fahnen der Nazis geliefert. Die jüngste Tranche von Berichten der internationalen Bergier-Kommission enthüllt ganz neue Formen der wirtschaftlichen Verflechtung der Schweiz mit Nazi-Deutschland.

Die Farbe wurde Polarrot genannt und war ein Verkaufsschlager des Basler Chemiekonzerns Geigy. Geigy lieferte Polarrot auch ins Dritte Reich. Die Basler wussten ganz genau, wofür es die Nazis brauchten - "für die Hitlerfahne".

Das ist nur ein Beispiel von vielen aus den neusten Veröffentlichungen der Bergier-Kommission. In acht Bänden, auf mehr als 3000 Seiten, kann man jetzt nachlesen, wie eng die Beziehungen der schweizer Wirtschaft zu Nazi-Deutschland waren.

Und ein ganz neues Kapitel wird aufgeschlagen - die Verflechtung der schweizer Hochfinanz mit der Politik in den Nachkriegsjahren am Beispiel der verschlungenen Interhandel-Affäre. Der Bundesrat liess sich willfährig einspannen, damit Finanzhaie und Grossbanken riesige Profite aus der Niederlage des Dritten Reiches schlagen konnten. >

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31.8.2001: <Für Geschäfte mit den Nazis machte Geigy sich judenfrei>

aus: BLICK, 31. August 2001, S.3

<VON GEORGES WÜTHRICH

BERN - Farben für die Hakenkreuz-Fahnen. Farben für die Fest-Uniformen der NSDAP. Farben für die Uniformen der Luftwaffe und der Reichsmarine. Die Nazis wussten, was sie an der Basler Chemiefabrik Geigy hatten. Und diese wusste, was sie dafür zu tun hatte - judenfrei werden.

Am 11. Juli 1934 versicherte Carl Koechlin, kaufmännischer Leiter der Basler J.R. Geigy AG, dem Hauptreferenten im Wehrpolitischen Amt der NSDAP, dass der Aktionär, der im ganzen 50 Aktien besitze, sicherlich nicht Jude sei. Hingegen wäre er nicht überrascht, wenn bei den Vorfahren jüdisches Blut vorhanden wäre.

Koechlin holte sich mit solchen Versicherungen den heiss begehrten Berechtigungsnachweis der NSDAP-Reichzeugmeisterei zur Lieferung von Farbstoffen. Die Genehmigung war an die Bedingung geknüpft, dass das Unternehmen arisch sei. Geigy hatte, wie übrigens der Basler Konkurrent Ciba auch, schon 1933 alle jüdischen Verwaltungsratsmitglieder ihrer deutschen Töchter mit deutschen Ariern ersetzt.

Die Anpassung lohnte sich: Geigy erhöhte seinen deutschen Farbstoff-Umsatz bis 1939 auf 8,3 Mio. Franken. Eine grosse Fahnenfabrik bezog aus der Geigy-Tochterfirma im deutschen  Grenzach regelmässig Polarrot G und RS. Eine interne Notiz hält 1934 fest, dass damit "zweifelsohne die Hitlerfahne gefärbt" wurde.

Aber auch für das gute Tuch von NSDAP-Festanzügen lieferte Geigy ihr Säurechromblau CA. Und für die eleganten Flieger- und Marineuniformen der Wehrmacht setzte man ebenfalls auf Geigy-Chromfarbstoffe.

Die beiden jungen Historiker Lukas Straumann und Daniel Wildmann untersuchten für die Bergier-Kommission die Rolle der schweizer Chemie-Unternehmen im Dritten Reich. Sie stiessen auf erschütternde Belege: "Uns störte die teilweise kalte Sprache, lukrative Geschäfte wurden teilnahmslos mit der Judenfrage verknüpft."

[Roche Warschau stellt polnische Juden an]
Die Historiker stellten allerdings auch fest, dass die auch im Dritten Reich bestehenden Handlungsspielräume unterschiedlich genutzt wurden. So stellte Roche Warschau 1940 pro forma junge jüdische Polen an, um zu verhindern, dass diese als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert wurden. "Das Ganze nahm fast Schindlersche Züge an", fasst Professor Jean-François Bergier das Roche-Engagement zusammen.>

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20 minuten
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3.3.2009: Nazi-Zeit in Bern: <Nazis in Berns besten Kreisen>


[Wie die Dissertation von Katrin Rieder über die "Bernburger" von 2008 die Burgergemeinde Bern zu eigenen Recherchen über die Nazizeit motivierte]

aus: 20 minuten online; 3.3.2009; http://www.20min.ch/news/bern/story/Nazis-in-Berns-besten-Kreisen-19998949

<Einige ihrer Exponenten seien "den Herausforderungen der Zeit zwischen 1930 und 1945 aus dem Blickwinkel unserer Zeit nicht immer angemessen begegnet". Was die Burgergemeinde Bern damit sagen will: Es gab zu jener Zeit Nazis in Berns besten Kreisen.

Die Bernburger geben Nazi-Verstrickungen einzelner Exponenten zu.

Die Historikerin Katrin Rieder hatte im August 2008 mit einer Dissertation zur Rolle der Bernburger für Aufsehen gesorgt. Sie zeigte unter anderem auf, dass einige Burger während der Nazizeit aktive Frontisten waren.

Die Bernburger hätten dieses düstere Kapitel ihrer Geschichte nie aufgearbeitet, lautet ein Hauptvorwurf des 700-seitigen Buches. Rieder deckte insbesondere auf, dass der 1968 ohne Gegenstimme zum Burgerratspräsidenten gewählte Georges Thormann in den dreissiger Jahren als Gauführer der Nationalen Front Bern gewirkt habe. Als solcher hatte er auch das Versammlungslokal der Ortsgruppe im Zunfthaus zum Distelzwang gemietet.

Vorsichtige Bewertung

Es gehe nicht an, dass von Einzelpersonen gleich auf die Burgergemeinde als Ganzes geschlossen werde, hatte Burgerratspräsident Franz von Graffenried nach der Veröffentlichung des Buches in einer ersten Stellungnahme erklärt.

In der Zwischenzeit betrieb nun die Burgergemeinde eigene Quellenforschung. Die Burgergemeinde bewertet das geprüfte Material bewusst vorsichtig, wie sie in der schriftlichen Stellungnahme betont.

Die Quellenbasis sei insgesamt zu schmal, um zu einer statistisch erhärteten Aussage zu gelangen, ob die Einrichtungen der Burgergemeinde besonders extreme Positionen bezüglich Rassismus, Eugenik und Fremdenfeindlichkeit vertreten hätten.

Nicht immer angemessen

Eingeräumt wird in der schriftlichen Stellungnahme jedoch, die Burgergemeinde und ihre Exponenten seien «den Herausforderungen der Zeit zwischen 1930 und 1945 aus dem Blickwinkel unserer Zeit nicht immer angemessen begegnet».

Die vorhandenen Materialien enthüllten indes keinerlei Hinweise darauf, dass die Burgergemeinde und ihre Exponenten «überwiegend und in aussergewöhnlicher Weise einem der politischen Extreme der Zeit zuneigten».

Insgesamt seien in der fraglichen Zeit weniger als ein Prozent der Behördenmitglieder frontistisch und vielleicht 10 bis 15 Prozent in rechtskonservativen oder rechtsbürgerlichen Gruppierungen aktiv gewesen.

Mächtige Bernburger

Die Burgergemeinde Bern ist eine sogenannte Personengemeinde – im Gegensatz zu den als Territorialgemeinden ausgestalteten Einwohnergemeinden.

Die Burgergemeinde Bern setzt sich aus rund 17 300 Angehörigen der 13 Gesellschaften und Zünfte und den Burgerinnen und Burgern ohne Zunftangehörigkeit zusammen. Ihre Wurzeln reichen bis ins Mittelalter.

Die landläufige Einschätzung verbindet mit dem Begriff Bernburger auch alte, vornehme Bernergeschlechter, Reichtum und Macht. Die Burgergemeinde verfügt über viel Grundbesitz und unterhält zahlreiche wirtschaftliche, soziale und kulturelle Institutionen.

Quelle: SDA/ATS>

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Das Fluchtbüro für "grosse Nazis" in Bern an der Marktgasse 49 - und Argentinien vernichtete die Akten 1996
aus: Theo Bruns: Massenexodus von NS-Kriegsverbechern nach Argenien. Die größte Fluchthilfeoperation der Kriminalgeschichte;
http://ila-bonn.de/artikel/ila299/massenexodus.htm

Rothmund in Bern war nicht nur einer der "Ideengeber" für den Judenstempel, sondern war auch an der Organisation der Flucht der "grossen Nazis" nach 1945 nach Süd-"Amerika" beteiligt, an der Marktgasse 49 in Bern.

Zitat:

<In der Schweiz war ein illegales Schlepperbüro eingerichtet worden, das die illegale Einwanderung nach Argentinien koordinieren sollte. Untergebracht in der Marktgasse 49 in Bern firmierte es unter dem Tarnnamen Argentinische Auswanderungszentrale und stand unter der Obhut des argentinischen Botschafters und GOU-Offiziers Benito Llambí. 

Nachdem Carlos Fuldner Ende 1947 nach Europa zurückgekehrt war, kam die Fluchthilfeoperation auf volle Touren. Seine Operationsbasen waren die Schlepperzentrale in Bern sowie die Büros der DAIE (Delegación Argentina de Inmigración en Europa) in Genua und Rom. Von hier aus entwickelte er die zentralen Fluchtrouten für flüchtige Nazis. Zentrale Fluchthelfer des Berner Büros waren die deutschen NS-Wissenschaftler Herbert Helfrich und Georg Weiss. Helfrich hatte in Deutschland ein Schleppernetz aufgebaut, welches Personen, denen ein alliiertes „Exit Permit“ fehlte, klandestin über die Schweizer Grenze brachte. Dort angekommen wurden die Flüchtlinge mit Papieren versorgt und entweder via KLM nach Buenos Aires ausgeflogen oder über Genua auf dem Seeweg an den Rio de la Plata verbracht. 
Obwohl dem US-amerikanischen Geheimdienst die Aktivitäten der Marktgassen-Crew nicht verborgen blieben und auch der Schweizer Botschafter in Buenos Aires, Feers, vor dem Trio Fuldner, Helfrich, Weiss als Abenteurern und „110-prozentigen Nazis“ warnte, konnten sie ihr Treiben lange ungestört fortsetzen. 

Dies war der Protektion durch hochrangige Schweizer Beamte zu verdanken, die bereits während des Zweiten Weltkriegs durch NS-Nähe und Antisemitismus aufgefallen waren. Zu trauriger Berühmtheit gelangte der Schweizer Polizeichef Heinrich Rothmund. Frank Garbely bezeichnete ihn in seinem Buch Evitas Geheimnis mit Fug und Recht als „Symbolfigur der antisemitischen Flüchtlingspolitik“. Rothmund hatte 1942 die vollständige Schließung der Schweizer Grenzen für jüdische Flüchtlinge angeordnet, zeigte sich gegenüber den Belangen flüchtiger Nazis aber bemerkenswert aufgeschlossen. Auch Oberstleutnant Paul Schaufelberger, der früher enge Kontakte zum Auslands-SD Schellenbergs unterhalten hatte, arbeitete mit den Marktgassenverschwörern zusammen. Mit von der Partie war auch Jacques-Albert Cuttat, der Schweizer Botschafter in Buenos Aires während des Krieges und spätere stellvertretende Außenminister. Cuttat war ein alter Freund Ludwig Freudes und blockierte nun die polizeilichen Ermittlungen gegen die Nazischmuggler. Als das Büro im Februar 1949 geschlossen wurde, war ein Großteil der Arbeit getan. Fuldner war bereits im Herbst 1948 nach Argentinien zurückgekehrt, um für die von ihm in seine Heimat geschleusten Nazis Arbeit und Anstellung zu finden. Uki Goñi hält als Bilanz fest: „Die zwielichtige Allianz aus früheren Nazi-Agenten, Schweizer Beamten und argentinischen Diplomaten brachte eine ganze Legion von NS-Verbrechern in Sicherheit.“ Als Frucht dieser Aktivitäten war Mitte 1948 in der Einwanderungsbehörde in Buenos Aires eine Flut von Anträgen auf Einreisegenehmigung eingegangen, die u.a. eine ganze Reihe von Hard-Core-Kriegsverbrechern betrafen: Josef Schwammberger, für seine Brutalität berüchtigter Kommandant des Ghettos von Przemysl; Erich Priebke, verantwortlich für die Massaker in den Ardeatinischen Höhlen in Italien; Josef Mengele, KZ-Arzt von Auschwitz; Adolf Eichmann, Exekutor der „Endlösung“. 

Obwohl die fraglichen Hauptkriegsverbrecher über einen Zeitraum von zwei Jahren verteilt einreisten (Priebke: November 1948; Mengele: Juni 1949; Eichmann: Juli 1950), wurden ihre Anträge innerhalb von zwei Monaten eingereicht, die von Mengele und Priebke sogar mit fortlaufenden Aktenzeichen. Mengele und Eichmann wurden zwischen April und Juni 1948 Ausweise der italienischen Stadt Temeno (Tramin) in Südtirol auf die Namen Helmut Gregor (Nr. 114) bzw. Riccardo Klement (Nr. 131) ausgestellt. Und auch die Rote-Kreuz-Pässe diverser Kriegsverbrecher weisen häufig eine verdächtig dicht aufeinander folgende Nummerierung auf. Klare Hinweise auf eine koordinierte Aktion. Ein Großteil der Akten, die genaueren Aufschluss hätten geben können und nach den Worten eines Juristen der argentinischen Einwanderungsbehörde „extrem kompromittierend“ waren, wurden während der Präsidentschaft Carlos Menems – pikanterweise kurz vor der Bildung einer staatlichen Historikerkommission zur Aufklärung der argentinischen Nazi-Connection – 1996 auf Anweisung der Regierung aus den Archiven geholt und an der Hafenmole verbrannt. Uki Goñi vermutet, dass die erwähnten Einreiseanträge von Fuldner über die DAIE in Genua an Freudes Nachrichtenabteilung übermittelt wurden. 

Das Räderwerk dieser „größten Fluchthilfeoperation der Kriminalgeschichte“ funktionierte im Dreieck von Nachrichtenabteilung im Präsidentenpalast, der Einwanderungsbehörde in Buenos Aires und den Schlepperbasen in Europa reibungslos. Mit der Schifffahrtsline des argentinischen Reeders Dodero und der staatlichen Fluglinie FAMA standen sichere Transportwege über den Atlantik zur Verfügung. Zum Internationalen Roten Kreuz, das Ersatzpässe auf falsche Namen ausstellte, bestand ein routinemäßiger Kontakt, und in Argentinien brachten Fuldner und Co. ihre angekommenen „Schützlinge“ in eigenen Firmen unter. Zur Perfektion gebracht wurde dieses System durch die enge Zusammenarbeit mit einem weiteren mächtigen Bündnispartner, dem Vatikan. Davon wird der dritte und letzte Teil dieser Artikelserie berichten. 

Uki Goñi: Odessa – Die wahre Geschichte – Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher. Übersetzung: Theo Bruns und Stefanie Graefe, Assoziation A, Berlin/Hamburg 2006 ISBN 3-935936-40-0, 400 Seiten, 22 Euro

Theo Bruns, der Übersetzer des Buches, stellt es in einer dreiteiligen Artikelserie in der ila vor. Siehe auch:
Argentinien und die „Unerwünschten“
Nach 1938 konnten jüdische Flüchtlinge oft nur heimlich oder mit gefälschten Papieren einreisen
Der Vatikan und die Rattenlinie
Wie die katholische Kirche Nazis und Kriegsverbrecher nach Südamerika schleuste>


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12.9.2013: Liechtenstein nach dem Österreich-Anschluss 1938 wäre von der Schweiz fast besetzt worden

aus: Basler Zeitung online: «Das hätte die Schweiz durch eine Besetzung verhindern wollen»; 12.9.2013;
http://bazonline.ch/kultur/ausstellungen/Das-haette-die-Schweiz-durch-eine-Besetzung-verhindern-wollen/story/25481869

<Interview: Linus Schöpfer

Eine neue Ausstellung zeigt, wie prekär das Jahr 1938 für Liechtenstein war. Historiker Donat Büchel über die Angst vor Hitler, einen vereitelten Putsch und Einmarschpläne von unerwarteter Seite.

Inwiefern war Liechtenstein 1938 in Gefahr, vom NS-Regime annektiert zu werden?
Sehr bedrohlich war zumal die Woche nach dem sogenannten Anschluss Österreichs im März. Niemand wusste, ob die Deutschen danach gleich nach Liechtenstein weiterziehen würden. Am 18. März beschloss Hitler in einer nicht publik gemachten Entscheidung, die Souveränität Liechtensteins vorerst zu respektieren und keinen aktiven Anschluss anzustreben.

Welche Rolle spielte die Schweiz für Liechtenstein in diesem turbulenten Jahr?
Eine sehr grosse, da die zwei Länder seit 1924 eine Zollunion bildeten. Wohl auch wegen dieser Zollunion schlugen die Nazis die Causa Liechtenstein zur Causa Schweiz.

Hierzulande ist die Vorstellung weit verbreitet, dass die Schweiz sich damals verpflichtet habe, Liechtenstein im Kriegsfall beizustehen und dass dieser militärische Schutz bis heute gelte.
Das ist falsch. Der Bundesrat bläute der liechtensteinischen Regierung schon in den 30er-Jahren und danach wieder ein, dass es keine Hilfe erwarten dürfe, falls es in einen Konflikt mit den Nazis verstrickt werden sollte. Falls die Schweiz ihrerseits allerdings angegriffen worden wäre, hätte sie sich das Recht ausbedungen, in Liechtenstein einzufallen und das Land für Manöver zu nutzen.

Was erhoffte man sich von einer solchen Invasion?
Die Angst der Schweizer Militärführung war gross, dass die Deutschen auf den Anhöhen Liechtensteins ihre Artillerie in Position bringen und von dort aus die Ostschweiz beschiessen könnten. Das hätte die Schweiz im Ernstfall durch eine Besetzung Liechtensteins verhindern wollen.

Wie stand die Liechtensteiner Bevölkerung und der Fürst den Nazis gegenüber? War eine nationalsozialistische Revolution denkbar?
Die grosse Mehrheit der Bevölkerung war gegenüber Hitler negativ eingestellt. Der Fürst, der greise Franz I., teilte diese Meinung – sicherlich auch deshalb, weil seine Frau Elsa Jüdin war. Das Fürstenhaus unter Fürst Franz Joseph II. und der Landtag kommunizierten immer deutlich, dass Liechtenstein unabhängig bleiben wolle und keinen Anschluss suche.

1939 kam es aber zu einem Putschversuch.
Es gab eine nationalsozialistische Bewegung, die «Volksdeutsche Bewegung in Liechtenstein», der zwischen 150 und 300 Liechtensteiner angehörten und die entstanden war, nachdem sich alle Parteien und der Fürst auf eine strikte Eigenstaatlichkeit festgelegt hatten. Die Volksdeutschen wollten 1939 einen Zusammenstoss mit Anhängern des Fürsten provozieren und danach die nationalsozialistischen Truppen in Feldkirch um Hilfe und so ins Land rufen. Die Behörde wusste aber von den Absichten und setzte sich mit Feldkirch in Verbindung, um sich gegen ein Einschreiten abzusichern. Ein Regierungsvertreter traf sich mit den aufmarschierten Umstürzlern, um mit ihnen zu diskutieren, und es gelang ihm tatsächlich, sie von der Sinnlosigkeit ihres Tuns zu überzeugen. Die Revolutionäre gingen unverrichteter Dinge wieder nach Hause.

Welche Folgen hatte der Anschluss Österreichs für die liechtensteinische Monarchie?
Der Fürst verlegte seinen Regierungssitz nach Vaduz, was eine grosse symbolische Wirkung hatte. Auch kam es zur Machtübergabe. Der 85-jährige, kränkelnde Franz I. übergab an seinen Grossneffen Franz Josef II., der bis 1989 regieren sollte.

In der Schweiz ist die Flüchtlingspolitik der 1930er- und 1940er-Jahre bis heute ein Thema. In Liechtenstein auch?
Die Problematik der nachrichtenlosen Vermögen war nicht so akut wie in der Schweiz. In der Flüchtlingspolitik war Liechtenstein bis 1941 relativ autonom , danach musste es wegen des Zollvertrags die Schweizer Gepflogenheiten übernehmen. Juden hatten wie alle Ausländer die Möglichkeit, das liechtensteinische Bürgerrecht zu kaufen. Das kostete 1934 zirka 20'000 Franken, 1937 waren die Gebühren dann faktisch bereits doppelt so hoch. Das war eine sehr lukrative Einnahmequelle für das damals sehr arme Liechtenstein.

Aber auch eine moralisch sehr fragwürdige Praxis.
Ja, das war natürlich eine zweischneidige Angelegenheit. Kritisiert wurde diese Praxis, die in der NS-Zeit etlichen Neubürgern das Leben rettete, allerdings eher von Antisemiten, die eine Zuwanderung von Juden in grosser Zahl befürchteten. Es gab auch Diskussionen darüber, ob Menschen, die überhaupt keinen Bezug zu Liechtenstein hatten, weiterhin im Ausland lebten und nur nach Liechtenstein kamen, um dort den Bürgereid abzulegen, den Pass bekommen sollten. Die Schweiz sah diese Einbürgerungen im Übrigen auch sehr ungern. Von 1941 bis 1963 entschied sie dann darüber, wer in Liechtenstein eingebürgert werden durfte. Bei eingebürgerten Personen, die weniger als zwei Jahre in Liechtenstein gelebt hatten, konnte die Schweiz Einspruch einlegen.

Liechtenstein ist ein sehr kleines Land – gibt es noch Streit wegen der damaligen Turbulenzen?
Das weiss ich ehrlich gesagt nicht. Das zeigt dann vielleicht unsere Ausstellung. Die NS-Zeit war jedenfalls lange Zeit ein Tabuthema, die Erinnerung daran traumatisch. Das Thema wird erst seit den 1970er-Jahren und verstärkt seit den 1990er-Jahren aufgearbeitet.

(baz.ch/Newsnet)>







Bildernachweis

-- Ciba-Logo. http://www.upmc.fr/macro2004/en/introduction-en.html
-- Hakenkreuzfahnen am Nürnberger Parteitag: http://members.aol.com/rantpage/newtsies.htm


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