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Armut in der Schweiz

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aus: Basler Zeitung online; 16.9.2010;
http://bazonline.ch/schweiz/standard/Fast-ein-Drittel-des-Lohnes-fuer-Steuern-und-Krankenkassen/story/24892265
<Von Mirjam Comtesse
@ÚX

Für was geben die Schweizer Haushalte ihr Geld aus? Das Bundesamt für Statistik hat es untersucht.

Im Schnitt geht knapp ein Fünftel des durchschnittlichen Haushaltsbudgets weg für Miete und Energiekosten.

Pro Monat nimmt ein Schweizer Haushalt brutto rund 9000 Franken ein. Dies zeigt das Haushaltsbudget 2008, welches das Bundesamt für Statistik (BfS) gestern veröffentlicht hat. Der relativ hohe Betrag setzt sich zusammen aus dem Erwerbseinkommen (7000 Franken), dem Einkommen aus Vermögen und Vermietung (400 Franken) sowie Renten und Sozialleistungen (1600 Franken).

Mobilität ist teuer

Im Schnitt leben 2,21 Personen von diesem Geld. Mit 5300 Franken, was 58 Prozent des Bruttoeinkommens entspricht, geben sie am meisten für die Kategorie Konsum aus. Diese beinhaltet unter anderem Ausgaben für Nahrungsmittel, Bekleidung, Wohnen, Verkehr, Unterhaltung und Kommunikation. Die Wohnkosten reissen dabei mit rund 1500 Franken oder 16 Prozent des Bruttoeinkommens das grösste Loch ins Haushaltsbudget – auch im Vergleich zu allen anderen Einzelposten.

Ebenfalls teuer erkauft ist die Mobilität: Auto, Velo und öffentliche Verkehrsmittel kosten pro Monat rund 750 Franken (8,2 Prozent). Sie sind den Schweizer Haushalten fast so viel wert wie Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke (660 Franken oder 7,2 Prozent). Ein Grund für die hohen Mobilitätsausgaben dürfte sein, dass das Wohnen auf dem Land günstig ist. Die niedrigen Mieten machen die hohen Fahrtkosten wett.

In Gaststätten und Hotels lässt ein Haushalt dann nochmals 520 Franken (5,7 Prozent) liegen.

1100 Franken Steuern

Neben dem Konsum hat das BfS auch die Kategorie Obligatorische Transferausgaben (orange) angeschaut. Das sind Rechnungen für Steuern, die Krankengrundversicherung und Sozialversicherungen, die regelmässig ins Haus flattern. Insgesamt belaufen sie sich auf 2440 Franken (27 Prozent) pro Monat. In dieser Kategorie schlagen die Steuern mit rund 1100 Franken oder 12 Prozent des Bruttoeinkommens am stärksten zu Buche. Die Krankengrundversicherung kostet monatlich etwa 500 Franken (5,4 Prozent).

Für die dritte Kategorie Zusätzliche Versicherungen und Spenden (rosa) legt ein Schweizer Haushalt 530 Franken (5,8 Prozent) hin.

Die vierte Kategorie bilden Transferausgaben an andere Haushalte wie Alimente und Unterstützungsbeiträge (hellorange). Sie betragen rund 200 Franken im Monat (2,1 Prozent).

Einzeleltern haben es schwer

Näher analysiert hat das BfS auch die Unterschiede zwischen Einelternfamilie und Paaren, die Kinder aufziehen. Dabei fällt auf, dass Einelternfamilien am Monatsende viel weniger Geld übrig haben. Ihre Sparquote beträgt nur rund 3 Prozent, bei Familien mit einem Elternpaar 9 Prozent. Ein Grund dafür sind die prozentual höheren Konsumausgaben. Einelternfamilien nehmen mit 7000 Franken gleichzeitig weniger ein als Zweielternfamilien, die rund 11'000 Franken heimbringen. Bei durchschnittlich 2,5 Personen in einer Einelternfamilie entspricht dies 2800 Franken pro Person; in einer Zweielternfamilie mit 3,8 Personen dagegen 2900 Franken. (Berner Zeitung)>

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Tagesanzeiger online, Logo

17.9.2010: Ein Film über die Armut in der Schweiz provoziert eine lebhafte Diskussion über die schweizer Fassade und das, was dahintersteckt

aus: Tagesanzeiger online: "Hinter der gekünstelten schweizer Fassade sieht es erbärmlich aus"; 17.9.2010;
http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/fernsehen/Hinter-der-gekuenstelten-Schweizer-Fassade-sieht-es-erbaermlich-aus/story/10940428

<Wann ist jemand arm? Der SF-Dokfilm «Leben zum halben Preis» sowie die Kritik auf Tagesanzeiger.ch/Newsnetz spaltet die Leser. Auffallend: Viele Wenigverdiener wollen nicht als arm abgestempelt werden. 

Die TV-Kritik unter dem Titel «Die herbeigeredete Armut» hat bei vielen Lesern für Unmut gesorgt. «Wie wäre es, wenn er [der Autor] einmal versucht mit 3000 Franken im Monat und zwei Kindern zu leben?», meint zum Beispiel Ramon Lopez. Andere fanden, einen Dokumentarfilm zu kritisieren, der Menschen mit einem knappen Budget ins Zentrum setzt, sei arrogant. Einige Kommentarschreiber nehmen nicht auf den Film Bezug, sondern äussern sich allgemein zur Armut im Land. Leo Schale zum Beispiel schreibt: «Armut wird in der Schweiz nicht herbeigeredet, sondern verleugnet bzw. verdrängt – wie so vieles.» Bernhard Lehmann meint gar: «Hinter der gekünstelten Schweizer Fassade siehts in Wirklichkeit erbärmlich aus. Die Armutsstudie ist eher eine Unter- statt Übertreibung!»

Es meldeten sich auch einige Personen zu Wort, die laut eigenen Angaben selbst in prekären finanziellen Verhältnissen leben. Sie wollen möchten sich aber allesamt nicht als arm bezeichnen. So schreibt Marcus Ballmer: «Wir sind eine Familie mit zwei Kindern, haben 3800 Franken monatlich, wohnen in einer kleinen, hübschen Wohnung, haben ein uraltes Auto (läuft aber). Ferien gibt es nicht, macht nichts. Wir wohnen, wo andere Ferien machen. TV haben wir auch nicht, egal. Wir sind nicht arm, sondern zufrieden, und finden, es geht uns gut. Sozialhilfe beziehen wir nicht.» Und Xaru Narala: «Wir sind eine bald fünfköpfige Familie und haben am Ende des Monats eigentlich kein Geld übrig. Doch würden wir uns selber nie als arm bezeichnen.»

«Fantasie ist wichtiger als die Kreditkarte»

Ob jemand als arm gilt oder nicht, hängt insbesondere auch davon ab, mit wem man sich vergleicht. Einige Leser vergleichen mit Ländern, deren durchschnittlicher Lebensstandard weit unter dem unsrigen liegt. Kein Wunder empfinden sie die hiesigen Verhältnisse als luxuriös. «Unsere Familie wohnt in verschiedenen Ländern Asiens und Lateinamerikas. Als dortige Mittelschicht sind ihre Verhältnisse genau so wie im Film geschildert: keine Ferien, nichts auf dem Konto, nur ab und zu ins Kino», schreibt Jürg Ackermann. Und Michael Belz meint: «Ich habe acht Jahre in einem armen Land gelebt. In der Schweiz geht es den Menschen sehr gut.»

Claudia Pleuss ist da anderer Meinung: «Ist man ohne Playstation arm? In der Schweiz – eher ja! Die Schweiz hat einen hohen Lebensstandard, dies auch bei ‹unserer Armut›.» Davon will Bruno Wüthrich nichts wissen, seine materiellen Ansprüche sind bescheiden: «Hängt der Gefühlszustand der Menschen davon ab, ob sie sich leisten können, was sie sich wünschen? Der Film zeigte unter anderem: Sind die Grundbedürfnisse (dazu gehören weder jährliche Ferien am Strand noch der Fernseher auf jedem Zimmer) gedeckt, so sind Zuwendung und Fantasie wichtiger als die Kreditkarte zur Befriedigung von künstlichen erzeugten Wünschen.»

Was meinen Sie? Wann ist für Sie jemand arm? Lesen Sie nachfolgend alle Kommentare und diskutieren Sie mit!

(rb)>

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20 minuten
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2.11.2010: <Vermögensverteilung: Ungleich, ungleicher, Schweiz>

aus: 20 minuten online; 2.11.2010;
http://www.20min.ch/finance/news/story/13873378

<von Gérard Moinat
- Auch wenn wir in der Schule etwas anderes gelernt haben: Beim Thema Ungleichheit ist die Schweiz ganz vorne mit dabei.

Wenn jemand alles hat: Der Gini-Koeffizient beschreibt Ungleichheiten.

Die Schweiz ist top. Zumindest wenn man den von der UN-Universität erhobenen Gini-Koeffizienten als Massstab nimmt. Von 229 untersuchten Ländern schaffte es die Schweiz dort immerhin auf Platz 3. Aber nicht als faires Land, wie das Schweizer gerne von ihrem Land denken, sondern als unfaires.

Die Schweiz gehört nach Namibia und Simbabwe sogar zu den Ländern, in denen die Vermögensungleichheiten am grössten sind. Auch gemäss Daten von 2010 ist die Schweiz von 165 Ländern noch auf dem drittletzten Platz (siehe Tabelle). Verglichen mit der Erhebung des Gini-Koeffizienten von 1997 hat nun selbst Simbabwe die Schweiz mittlerweile als weniger «unfaires» Land hinter sich gelassen. Singapur ist nachgerückt. Auf der anderen Seite der Skala liegen Spanien und Finnland als Länder, in denen Vermögen fair verteilt sind. Auch der direkte Nachbar Österreich liegt deutlich vor der Schweiz.

Gründe dafür sind vielfältig, sagt Ganga Jey Aratnam, Mitautor der kürzlich veröffentlichten Studie «Wie Reiche denken und lenken». Einen Grund sieht er jedoch in der ausgeprägten Stabilität der Schweiz. Gerade weil das Land von Kriegen verschont geblieben war.

«Trickle-down-Effekt» liess viele nachholen

«Anders als in den kriegsgeschüttelten Ländern Europas wurden die Vermögen durch den Zweiten Weltkrieg nicht neu gemischt. Sondern Reiche blieben auch mit dem Krieg reich und konnten weiter Vermögen anhäufen», so Jey Aratnam. Deshalb liegt die Schweiz schon seit Jahrzehnten an der Spitze der Länder, wo Vermögen ungleich verteilt ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch schien sich die Situation zu verbessern; in den Sechziger- und Siebzigerjahren gingen die Ungleichheiten temporär zurück. Das massive Wirtschaftswachstum in der Nachkriegszeit begünstigten den sogenannten «Trickle-down-Effekt», wie Jey Aratnam erklärt. Dieses liberale Konzept geht davon aus, dass ein solides Wirtschaftswachstum die Vermögensungleichheiten in einem Land über die Zeit ausmerzt, in dem Wohlstand von der Oberklasse zu den unteren Schichten «herabsickert».

Seit 1975 verschärfen sich Ungleichheiten

Bis Mitte der Siebzigerjahre stimmte das auch, denn der Aufschwung nach dem Krieg zog sich über Jahre hin. Und die Verteilung wurde weniger ungleich. Aber ungefähr seit 1975 stagniert der Gini-Koffizient und begann in den jüngsten Jahren wieder markant zu steigen. «Die Wirkung der Finanzkrise kann das noch verschlechtern», so Jey Aratnam.

Dass Schweizer Vermögen im Krieg nicht zerstört wurden, sei an und für sich etwas Positives, sagt Jey Aratnam. Aber heute fällt auf, dass sich Schweizer der sozialen Ungleichheit in ihrem eigenen Land zu wenig bewusst sind.

«In der Schweiz diskutieren wir immer über die Abzocker. Dabei sind die Vermögensunterschiede mittlerweile die wahren Missstände», so Ganga Jey Aratnam. Bei den Einkommensunterschieden - im Unterschied zum Vermögen - liegt die Schweiz im vorderen Drittel der Länder mit einer «fairen» Verteilung. Allerdings deutet die jüngste Entwicklung auch hier in Richtung zunehmende Ungleichheit.

Ungleichheiten in der Welt gemäss dem Gini-Koeffizient

Rang Land Gini-Koffizient
1. Namibia 0.947
2. Singapur 0.893
3. Schweiz 0.881
4. Hong Kong 0.856
5. Qatar 0.856
6. Schweden 0.853
7. Simbabwe 0.852
8. Dänemark 0.840

Quelle: www.reichtum-in-der-schweiz.ch/fakten>

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10.1.2012: <Caritas: 260  000 Kinder in der Schweiz leben in Armut>

aus: 20 minuten online; 10.1.2012;
http://www.20min.ch/news/schweiz/story/29550059


<Caritas schlägt Alarm: Eine Viertelmillion Kinder in der Schweiz sind arm. Die Politik kehre das Thema unter den Teppich.

Kinder, die zerschlissene Kleider tragen, mit drei Geschwistern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung hausen und noch nie in den Ferien waren: Arm sind in der Schweiz nicht nur jene, die auf der Strasse leben. Zwischen 700 000 und 900 000 Menschen in der Schweiz haben nach Schätzungen der Caritas gerade genug Geld zum Überleben. Für ein Paar mit zwei Kindern bedeutet dies beispielsweise, dass es weniger als 4600 Franken pro Monat verdient. Nach Abzug von Miete, Krankenkasse und Essen ist dann kaum mehr etwas übrig. Besonders prekär: Unter den Kindern ist der Anteil der Armen doppelt so hoch – auf 260 000 schätzt ihn die Caritas, Tendenz steigend.

Die Folgen der Armut für die Jüngsten sind happig: Sie gelten als uncool, werden von Gleichaltrigen ausgegrenzt, sind eher schlecht in der Schule und kommen oft nie aus der Armutsfalle raus. «Zudem besteht für sie eine erhöhte Gefahr, dass sie als Erwachsene psychische Probleme bekommen, in eine Sucht abrutschen oder kriminell werden», sagt Ariel Leuenberger von Caritas.

Die Politik ignoriere das Problem seit Jahren, kritisiert Leuenberger. «Armut ist ein Tabu.» Die Caritas fordert deshalb, dass endlich Massnahmen ergriffen werden: Ergänzungsleistungen sowie mehr Subventionen für Krippen, Horte und andere Betreuungsangebote. «Dann könnten Alleinerziehende wieder arbeiten gehen», so Leuenberger. Und die Kinder vielleicht doch mal in die Ferien.

(hal/20 Minuten)>


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7.5.2012: < Caritas mahnt: Armut in der Schweiz nimmt nicht ab>

aus: 20 minuten online; 7.5.2012;

http://www.20min.ch/schweiz/news/story/27478267

<Trotz Wirtschaftswachstum hat sich die Armut in der Schweiz nicht verringert, stellt das Hilfswerk Caritas Schweiz fest. Der Grundsatz, wenn es der Wirtschaft gutgehe, gehe es allen besser, scheine nicht zu gelten.

«Wir müssen uns wieder für die klassische Idee der sozialen Marktwirtschaft einsetzen», sagte Caritas-Direktor Hugo Fasel am Montag vor den Medien in Bern. Denn: In den letzten Jahren habe ein Paradigmenwechsel eingesetzt. Trotz besserer Konjunktur bleibe in der Schweiz die Armut auf gleichem Niveau bestehen.

Die stille Übereinkunft, wonach alle vom wirtschaftlichen Wachstum profitieren sollen, gelte offenbar nicht mehr, sagte der frühere Freiburger CSP-Nationalrat. Jüngst gemachte Aussagen von führenden Wirtschaftsvertretern würden diese gefährliche Entwicklung sichtbar machen.

Damit spielte Fasel auf Aussagen des Direktors des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes an. Anfang April hatte Valentin Vogt vor den Medien erklärt, dass er Mindestlöhne ablehne und notfalls - wenn der Lohn nicht zum Leben reicht - die Sozialhilfe einspringen würde. «Diese Haltung ist fatal», sagte Fasel.

Von einem eigentlich «Missbrauch» der Sozialhilfe durch die Wirtschaft wollte Fasel nicht sprechen - das würde die Fronten verhärten. Aber: Die Wirtschaftsvertreter würden leider stets vergessen hinzuzufügen, dass die Sozialhilfe über die Steuergelder - also über die Allgemeinheit - finanziert werde.

Vier kantonale Armutsberichte

Caritas zog an ihrer Medienkonferenz eine erste Bilanz ihrer vor zwei Jahren gestarteten Kampagne, bis im Jahr 2020 die Armut in der Schweiz zu halbieren. Dazu soll durch kantonale Armutsberichte die Armut überhaupt erst sichtbar gemacht werden. Bisher haben vier Kantone einen solchen Bericht vorgelegt - Waadt, Bern, Basel-Stadt und Luzern.

Leider gebe es auch Kantone, die es nicht als nötig erachteten, einen Bericht zu verfassen - etwa mit der Begründung, es gebe bei ihnen nur wenig Armut. «Doch wenn etwas nicht da ist, hat das auch seinen Grund», sagte Fasel. So könnten hohe Mieten dazu führen, dass arme Menschen abwandern müssten. Ziel seien dann zumeist die Städte. Diese würden den Betroffenen Anonymität garantieren.

Fortschritte attestierte Caritas dem Bund. Dieser sei gewillt, in der Armutsbekämpfung eine aktivere Rolle zu spielen. Einen Rückschlag habe es auf nationaler Ebene allerdings im Parlament gegeben: Vorstösse, die Ergänzungsleistungen für Familien einführen wollten, wurden abgeschrieben. Caritas hofft nun auf die Kantone. Ergänzungsleistungen für Familien gibt es in Solothurn, in der Waadt, im Tessin und voraussichtlich ab Herbst in Genf.

Als Erfolg wertete Caritas das steigende Interesse an Daten zur Armut. Caritas selbst schätzt, dass rund 700 000 bis 900 000 Personen in der Schweiz von Armut betroffen sind. Diese Zahlen - auch wenn sie von verschiedenen Seiten relativiert worden seien - habe der Bund bestätigt, sagte Fasel.

Unbestritten sei hingegen die Zahl von 260 000 armutsbetroffenen Kindern - «eine gewaltige Hypothek für die Zukunft». Fasel lancierte deshalb die Idee, eine obligatorische Ausbildung nach der Schulzeit einzuführen. «Man weiss heute, dass mangelnde Bildung eine zentrale Ursache für Armut ist.»

(sda)>

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10.4.2013: <UNICEF-Bericht: Jedes zehnte Schweizer Kind lebt in Armut>

aus: 20 minuten online; 10.4.2013;
http://www.20min.ch/schweiz/news/story/28514689

<In der Schweiz sind fast zehn Prozent der Kinder von Armut betroffen. Ihr grösstes Problem: Die Konsequenzen dieser Ungleichheit wirken ein Leben lang nach.

Laut einem Bericht des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF zur Situation der Kinder in 29 untersuchten Industrienationen liegt die Schweiz insgesamt auf Platz 8. In dem am Dienstag in Genf publizierten Ländervergleich schnitt sie insbesondere im Bildungsbereich unterdurchschnittlich ab.

Für den Ländervergleich von 29 Industriestaaten wurden fünf Bereiche untersucht, die alle einen Einfluss auf Wohlbefinden und Entwicklung von Kindern unter 18 Jahren haben, namentlich die Wohnsituation, der materielle Wohlstand, Gesundheit und Sicherheit, die Risikobereitschaft sowie die Bildung.

Klassenbeste sind die Niederlande, gefolgt von Norwegen, Island, Finnland und Deutschland. Die hintersten Ränge gehen an die USA, Litauen, Lettland und Rumänien (Rang 29).

Die südeuropäischen Länder sind Opfer der Krise: Griechenland belegt Rang 25, Italien Rang 22. Spanien ist innerhalb von zehn Jahren von Platz 5 auf Platz 19 zurückgefallen. Portugal ist als 15. platziert.

Folgen der europäischen Krise

«Die Auswirkungen der Krise in Europa geben uns zu Schaffen», sagte der UNICEF-Mitarbeiter Chris de Neubourg am Dienstag bei der Präsentation der Studie in Genf.

Er hob zuerst die erheblichen Verbesserungen hervor, die in den letzten zehn Jahren hinsichtlich Wohlbefinden der Kinder erzielt worden seien.

«Die Schuldenreduktion darf nicht auf Kosten von Investitionen für die Jugend erfolgen», mahnte de Neubourg sodann. Denn das gefährde die wirtschaftliche Zukunft eines Landes. «Wenn wir Sparmassnahmen ergreifen, müssen wir darauf achten, dass die Kinder möglichst von ihnen verschont bleiben», sagte er weiter.

Kinderarmut auch in reichen Ländern

Die Autoren weisen im Bericht auch darauf hin, dass das Bruttosozialprodukt eines Landes wenig über die Kinderarmut aussagt. «In einem reichen Land ist die Lage der Kinder nicht automatisch besser als in einem ärmeren», heisst es in einer UNICEF-Medienmitteilung.

So sind etwa im krisengeschüttelten Portugal relativ gesehen weniger Kinder von Armut betroffen als in den USA. Die Schweiz rangiert im Bereich «materieller Wohlstand» auf Platz 9. Laut dem UNICEF sind in der Schweiz 9,4 Prozent der Kinder - also rund jedes zehnte - von Armut betroffen.

Das grösste Problem der Kinderarmut sei, dass die betroffenen Kinder die Konsequenzen dieser Ungleichheit ein Leben lang spürten: Mangelnde finanzielle Mittel beeinflussten nicht nur das Entwicklungspotential, sondern auch die Sozialisation und die Bildungsmöglichkeiten des Kindes.

Gleichzeitig zeige der Ländervergleich, dass Kinderarmut nicht unvermeidbar sei, sondern «massgeblich von politischen Entscheidungen beeinflusst» werde, schreibt das UNICEF.

Schweiz bei «Wohnsituation» auf Platz 1

Insgesamt ist die Schweiz im Vergleich zu 2011 im UNICEF-Ranking um drei Plätze nach vorne gerückt, vom damals 11. zum 8. Rang. In der Rubrik «Wohnsituation und Umwelt» belegt sie den ersten Platz. In den Bereichen «Gesundheit und Sicherheit» sowie «Verhalten und Risikobereitschaft» belegt sie jeweils den 11 Rang.

Am schlechtesten schneiden die Schweizer Kinder mit Platz 16 im Bildungsbereich ab. Die Autoren erklären diesen Umstand unter anderem mit der niedrigen Einschulungsquote von Schweizer Kindern im Vorschulalter (Frühförder- und Vorschulangebote). Dieser Faktor wirkt sich laut den Autoren allerdings nicht zwingend negativ auf den weiteren Bildungsverlauf ab.

Schweizer Kinder kiffen mehr

Gute Noten erhalten Schweizer Kinder und Teenager unter anderem, weil sie die niedrigste Schwangerschaftsrate aufweisen (Platz 1) und für ihr gesundes Körpergewicht (Platz 2).

Schlechte Noten erteilt UNICEF den Kindern in der Schweiz in der Kategorie «Risikoverhalten» in den Fächern «körperliche Betätigung» (Platz 26) sowie beim Cannabis-Konsum (Platz 28).

Schliesslich kommt der UNICEF-Bericht zum erfreulichen Schluss, dass 87% der befragten Kinder in der Schweiz mit ihrem Leben zufrieden sind. Darin werden sie einzig von den niederländischen Kindern übertroffen (95%). Am unglücklichsten sind die Kinder nach eigenen Angaben in Polen und Rumänien.

(sda)>

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15.4.2013: <Arm in der Schweiz: «Nach seinem Tod stürzten wir in die Armut»> - Self-Made-Möbel und Wohnblock mit Haschischgeruch

aus: 20 minuten online; 15.4.2013;

http://www.20min.ch/schweiz/news/story/20364153

<von Stefan Heusser -

Kleider aus dem Brocki und selbstgebastelte Möbel: Laut dem neuen Unicef-Bericht ist jedes zehnte Kind in der Schweiz arm. Andrea K.* erzählt vom Kampf, ihre Töchter durchzubringen.

Kleider aus dem Brockenhaus, Möbel selbst gezimmert: Armes Kind in der Schweiz.Der ziegelbraune Wohnblock steht am Ende einer Strasse. Die Strasse wird links von einem Metallgitter begrenzt. Dahinter steht eine Turnhalle, gross wie eine Fabrik. Rechts werden die Wohnblöcke grösser und die Fenster kleiner gegen das Ende der Strasse. «Wir leben wortwörtlich in der Sackgasse», sagt Andrea K.*. Im Treppenhaus riecht es nach Haschisch und stapeln sich Schuhe.

«Wir hatten ein gutes Leben», erinnert sich die 44-Jährige an die Zeit vor sieben Jahren. «Wir gingen oft ins Restaurant. Die Sommerferien verbrachten wir mit unseren kleinen Kindern in der Toskana.» Andrea K. und Ihr Mann Peter K.* arbeiteten beide Vollzeit und führten «ein normales Leben».

Dann trifft die junge Familie ein schwerer Schicksalsschlag: Peter K. stirbt. Über die Umstände seines Todes möchte K. nicht sprechen. «Plötzlich musste ich nur noch für meine Töchter da sein und meinen Job aufgeben.» Zugleich sei das Einkommen des Ehemannes weggefallen. «Nach seinem Tod stürzten wir in die Armut», sagt K.

Aktionen, Brockenhaus, Sonderangebote

Andrea K. lebt heute mit ihren Töchtern Tina* (8) und Lara* (11) in der Agglomeration von Basel und möchte anonym bleiben. «Ich kaufe billige Lebensmittel, fast nur Aktionen», sagt K. Für Kleider geht die Witwe ins Brockenhaus. Manchmal kauft sie dort auch eine Jeans für ihre Töchter, verschweigt dann aber, dass die Kleider Secondhand sind. «In die Ferien gehen wir, wenn eine Kollegin auf dem Reisebüro uns ein günstiges Angebot machen kann».

Unten am Küchenfenster geht ein Mann in Schlarpen und Fussball-Trikot zwischen den Betonbauten umher. «Niemand würde hier leben, wenn er nicht müsste», sagt K. Sie habe hier kaum Kontakte. Seit in der Wohnung unter den K.s nachts ein Baby schreit, schläft die Mutter im Wohnzimmer.

Der Druck der Pubertät

«Uns stehen nach Abzug der Mietkosten 2800 Franken im Monat zur Verfügung», erzählt Andrea K. Das seien Witwen- und Halbwaisenrenten aus Pensionskasse und AHV, Ergänzungsleistungen und Beihilfen. K. geht neben der Erziehung ihrer Töchter keiner Erwerbstätigkeit nach und hat ein Teilzeit-Studium zur Sozialarbeiterin begonnen. «Ich würde gerne wieder arbeiten, wenn die Mädchen grösser sind», sagt sie und läuft an den selber gemalten Bildern vorbei ins Kinderzimmer.

Im Zimmer der elfjährigen Lara ragt ein schmales weisses Regal von der Wand. Ein Rentner hat es für zwanzig Franken auf die Stunde montiert. Darauf aufgereiht stehen rote Nagellack-Flakons und rosa Handcrème-Tuben. An dem kleinen Schönheitsaltar klebt ein Post-it in Herzchenform. Darauf hat die Elfjährige notiert: «Es lohnt sich, dafür zu kämpfen.»

«Nun da Lara in die Pubertät kommt, werden die materiellen Bedürfnisse grösser», sagt K. Der Druck auf die alleinerziehende Mutter, die Armut vor ihren Töchtern zu kaschieren, nimmt stetig zu.

«Ich bin schon am Anschlag»

Mit den Bedürfnissen aus dem Innern der Familie wachsen die Sorgen, dass Hilfsbeiträge gestrichen werden. K. und ihre Mädchen werden vom Fonds für Witwen, Witwer und Waisen von Pro Juventute unterstützt. Regelmässig wird evaluiert, ob die Familie den Anforderungen für Unterstützungsgelder noch gerecht wird.

«Wenn ich noch weniger Geld zur Verfügung habe, weiss ich gar nicht mehr was machen. Ich bin jetzt schon am Anschlag», sagt K. Als erstes müssten dann wohl Tinas Reitstunden gestrichen werden, so K.

«Man kann auch Federball spielen, und glücklich sein»

Doch nicht der materielle Mangel sei das Schwierigste, sondern die Isolation, die durch die eingeschränkten Mittel entstehe: «Das Schlimmste an der Armut ist, mit der normalen Gesellschaft nicht mehr mithalten zu können. Man wird gezwungen, sich einer Randgesellschaft anzuschliessen», sagt K.

«Es ist die Gesellschaft, die nach dem Prinzip Geld funktioniert». Hat man keines, dann kommt man sich ausgeschlossen vor, sagt Andrea K. Sie glaubt aber nicht, dass ihre Kinder weniger glücklich sind, als deren Altersgenossinnen.

«Man kann auch Federball spielen, und glücklich sein», so die Mutter. Es brauche nicht viel Geld, um glücklich zu sein. Doch Lara und Tina gehe es auch gut, weil sie sich der Armut kaum bewusst seien. «Ich lüge meine Kinder an», sagt K. «Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir genügend Geld wünschen, um Reisen zu gehen. So könnte ich meinen Töchtern die Welt zeigen.»>

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15.7.2014: <Arm trotz Job: «Armut ist eine Form von sozialer Gewalt»>

aus: 20 minuten online; 15.7.2014;
http://www.20min.ch/schweiz/news/story/31412307

<von Romana Kayser
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Noch immer leben in der Schweiz viele Personen in Armut, obwohl sie einen Job haben. Linke Politiker wollen die Arbeitgeber zur Verantwortung ziehen, Bürgerliche appellieren an die Eigenverantwortung.

Gemäss den jüngsten Berechnungen des Bundesamtes für Statistik (BFS) waren im Jahr 2012 in der Schweiz 590'000 Personen arm – das entspricht einer Armutsquote von 7,7 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr ist sie damit etwas gestiegen, seit 2007 hat sie hingegen um 1,6 Prozent abgenommen.

In der Schweiz gilt als arm, wer nicht genügend Geld hat, den allgemeinen Lebensunterhalt, die Wohnkosten sowie die Versicherungen zu bezahlen. 2012 betrug die Armutsgrenze für Einzelpersonen rund 2200 Franken und für zwei Erwachsene mit zwei Kindern rund 4050 Franken. Rund 130'000 Personen erreichten diese Grenze nicht, obwohl sie einer Arbeit nachgingen.

Gesamtarbeitsverträge gefordert

Für SP-Nationalrat und Gewerkschafter Corrado Pardini ist dies eine beschämende Tatsache: «Es ist unwürdig, wenn man in der Schweiz arbeitet und trotzdem arm ist.» Generell sei die Armut in der reichen Schweiz «ein unnötiger Schandfleck, den man ausmerzen muss». Die Mindestlohn-Initiative wäre laut Pardini ein Instrument gewesen, um Armut von Erwerbstätigen zu bekämpfen. Nachdem die Initiative im Mai jedoch an der Urne kläglich gescheitert ist, sieht Pardini nun die Arbeitgeber in der Pflicht. Er erinnert sie an die im Abstimmungskampf gemachten Versprechen, Gesamtarbeitsverträge mit Mindestlöhnen abzuschliessen.

Kein Gehör für Pardinis Kritik hat hingegen FDP-Nationalrat Ruedi Noser. «So wie das Bundesamt für Statistik Armut definiert, kann man sie gar nicht zum Verschwinden bringen.» Es sei positiv, dass die Armutsquote rückläufig sei. «Die Schweiz macht einen hervorragenden Job.» Darüber hinaus seien keine Massnahmen nötig: «Der Staat hat nicht die Aufgabe, die Leute vor Armut zu schützen.» Er gewährleiste den Menschen eine minimale Existenzsicherung und ermögliche den Bürgern Bildung. Eine gute Bildung schütze am effektivsten gegen Armut, ist Noser überzeugt. «Der Rest liegt in der Eigenverantwortung jedes Einzelnen.»

Alleinerziehende unterstützen

Konkrete Lösungsansätze zur Armutsbekämpfung sieht hingegen SP-Ständerat und SGB-Präsident Paul Rechsteiner. Er ortet vor allem bei den sensiblen Gruppen von Alleinerziehenden und alleinstehenden Rentnern Handlungsbedarf: «Die Kinderzulagen sind in vielen Kantonen noch immer viel zu tief. Hier könnte man arme alleinstehende Eltern wirkungsvoll unterstützen.»

Umgekehrt warnt er vor den Folgen geplanter Kürzungen im Rahmen der Rentenreform. «Diese gehen in eine völlig falsche Richtung und verstärken die Altersarmut.» Aus Rechsteiners Sicht ist die Schweiz angesichts der Armutszahlen nun stark gefordert. «Armut ist eine Form von sozialer Gewalt, die die Lebensperspektiven stark einschränkt.»>






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